Seit Donnerstag letzter Woche tagt im Bundestag der sogenannte Kunduz-Untersuchungsausschuss. Im Kern geht es dabei darum, Licht ins Dunkel der Umstände um den umstrittenen Luftangriff auf zwei Tanklaster in Kunduz im September 2009 zu bringen. Der Untersuchungsausschuss will klären, wer wann was wusste und wer gegebenenfalls wider besseren Wissens handelte.
Ein eigensinniger Oberst? Unzufriedene Generäle? Machtspiele in der ISAF?
Der politischen Opposition geht es im Untersuchungsausschuss primär um die Rolle des amtierenden Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg und um seine inzwischen ins Gegenteil revidierte Einschätzung des Bombardements. Schwerpunkt sollte aber vielmehr die allgemeine Frage sein, wie es überhaupt zu einem solchen – im Nachhinein fatalen Angriff – kommen konnte: Handelte es sich bei dem Vorfall um das eigensinnige Handeln einer einzelnen Person, um Emanzipationsversuche unzufriedener deutscher Generäle oder gar um Machtspiele zwischen ISAF-Truppen?
Laut dem NATO-Untersuchungsbericht konnte für ein Bombardement der Deutschen auf die zwei Tanklaster weder „eine zwingende Voraussetzung“ gefunden werden noch eine „akute Bedrohung“ für das deutsche Feldlager in Kunduz. Beides sind aber strenge NATO-Einsatzvorgaben für ein Bombardement.
Neben etwaigen Falschangaben und gezielter Hinhaltetaktik der Verantwortlichen steht daher die Frage zur Diskussion, welche Strategie Deutschland zukünftig im Afghanistan-Einsatz verfolgen möchte. Es wurde nach der Kunduz-Affäre international auch diskutiert, ob der Anschlag auf die Tanklaster als Befreiungsschlag für die Bundeswehr zu verstehen ist: vom Brunnen- und Aufbauteam zur „echten“ Kampftruppe. Aber eine solche Diskussion ist irreführend. Geht es doch nicht um Emanzipation, mögliche Verlegenheit oder militärische Schwäche eines ISAF-Mitglieds, sondern um einen möglichen Paradigmenwechsel der Bundeswehrstrategie in Afghanistan aufgrund verschärfter Sicherheitsbedingungen und der Kommunikation einer solchen.
Auf dem Spiel steht Deutschlands Ansehen in Afghanistan
Zum einen natürlich gegenüber den internationalen Verbündeten. Zum anderen aber auch gegenüber Taliban-Aufständischen. Denn eine Diskussion um Deutschlands Zielstrebigkeit, Einsatzfähigkeit und Professionalität kann gezielt gegen die deutschen Truppen vor Ort missbraucht werden. Wenn es wieder zu entscheiden gilt, einen gekaperten Tanklaster für einen möglichen Anschlag auf ein deutsches Militärlager zu stoppen, wird es den Verantwortlichen auch vor dem Hintergrund des aktuellen Untersuchungsausschusses nicht leichter fallen, richtig zu entscheiden. Wichtig ist, dass eine Debatte um Deutschlands militärische Fähigkeiten nicht zu weiterer Unsicherheit innerhalb der Bundeswehr führt oder von Aufständischen als Achillessehne verstanden wird. Wenn der deutschen Bundeswehr stattdessen tatsächlich fehlende Professionalität, Verlegenheit und Unerfahrenheit bescheinigt werden sollte, erfordert das Korrekturen. Denn am Ende geht es immer um Menschen: um deutsche Soldaten, die sich in Gefahr begeben, und mögliche afghanische zivile Opfer. Das sind die wahren Verluste, die es zwingend zu vermeiden gilt.
Tina Höfinghoff ist Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Transatlantische Beziehungen, Außen- und Sicherheitspolitik
Die Afghanistan-Serie im Überblick:
Teil I: Warum sind wir in Afghanistan?
Teil II: Keine Demokratie für Afghanistan
Teil III: Eine Frage des Rechts
Teil IV: Kunduz und die Folgen
Teil V: Trauma Afghanistan
Teil VI: Dürfen Christen Krieg führen?
Afghanistan VI: Dürfen Christen Krieg führen?
Wo ist Gott in Afghanistan?
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Liborius Magazins die große Reportage aus dem Bundeswehr-Camp in Mazar-e-Sharif. Wir begleiten den katholischen Militärpfarrer Andreas Ginzel bei seiner schwierigen Mission und fragen Soldaten im Einsatz: Dürfen Christen töten?