Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Bedienungsanleitung für den Dialog

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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glaubenslust - Der Tag

 

Bedienungsanleitung für den Dialog

So schnell kann es gehen: Vor knapp einem Monat klagte die FAZ „Benedikt in Nöten. Was ist los im Vatikan?“ und sorgte sich um die Beziehungen des Vatikans zu Juden und Muslimen. Vier Wochen später jubeln die Frankfurter und benutzen die Worte „religionspolitisch sensationell“ und „theologisch revolutionär“. Nicht zu Unrecht. Die Begeisterung bezieht sich auf ein gemeinsames Papier, das Muslime und Vertreter des Vatikans unterzeichnet haben. Ein Papier, das erst auf zweiten Blick wie eine wichtige Basis für weitere Verständigungen wirkt. Und das vor allem eines zeigt: Der Vatikan ist nach wie vor ein Meister der geheimen Diplomatie.

Seit längerem schon stehen iranische Theologen mit päpstlichen Vertretern im engen Kontakt, sprechen über grundsätzliche religiöse Fragen und arbeiten an gemeinsamen Themen. Dennoch drang kaum etwas nach außen. Dabei hätte man interreligiöse Erfolge in den letzten Monaten durchaus gebrauchen können, allein der Vatikan verfolgte konsequent seine Linie: Was noch nicht sicher ist, bleibt erst einmal unter Verschluss. Auf diese Weise wurde Aktionismus vermieden, und die Gesprächspartner konnten sich relativ unbehelligt untereinander verständigen. So taktisch unclever bisweilen im interreligiösen Dialog agiert wurde, so vorzüglich gingen beide Seiten diesmal vor. Das Ergebnis des Austausches kann sich denn auch sehen lassen – überbewertet werden darf es freilich nicht. Sieben Punkte umfasst die Erklärung. Die meisten haben eher die Funktion, ein Fundament zu errichten und ein gemeinsames Terrain abzustecken - was natürlich an für sich schon wertvoll ist.

Beide Religionen lehnen Gewalt strikt ab

Der dritte Passus wird dabei fast euphorisch gefeiert. Dort heißt es: „Glaube und Vernunft sind von sich aus gewaltlos. Weder die Vernunft noch der Glaube sollten für Gewalttätigkeit benutzt werden.“ Keine Frage: Dieser Abschnitt ist richtig und wichtig. Doch seien wir ehrlich: Was hätte in einem solchen Papier sonst verkündet werden sollen? Einen flammenden Aufruf zu mehr Gewalt, zu mehr Abgrenzung und zu weniger Toleranz? Natürlich nicht. Inhaltlich betrachtet ist diese Passage deshalb keinesfalls revolutionär. Weder aus Sicht des Christentums, noch aus Sicht des Islams. Die Stärke dieser Stelle liegt nicht in dem, was sie sagt. Sondern darin, dass sie etwas sagt. Diese Sätze wirken, wie im Übrigen das gesamte Papier, vor allem als Zeichen. Als Zeichen an religiöse Fanatiker: Wir beide, Muslime und Christen, glauben an den einen Gott. Wir lassen uns nicht mehr gegeneinander ausspielen. Mögen in Glaubensfragen große oder auch unüberwindbare Hindernisse bestehen. Vorfälle wie in Somalia, wo nach der Regensburger Rede des Papstes eine Nonne ermordet wurde, können sich jetzt endgültig nicht mehr das Deckmäntelchen der Religion anziehen. Dieses Papier sagt ganz klar: Wer Gewalt ausübt, handelt nicht als Christ, handelt nicht als Muslim. Sondern einfach nur als Verbrecher.

Insofern ist die gemeinsame Erklärung ohne Frage wertvoll. Trotzdem gibt es einige Dinge, die beachtet werden müssen. Die Gesprächsteilnehmer waren iranische Theologen und damit Schiiten. Sie sprechen also keinesfalls für den gesamten Islam. Ihre sunnitischen Glaubensbrüder mögen den Inhalt vielleicht ebenfalls gutheißen. Offiziell haben sie mit dem Papier trotzdem nichts zu schaffen. Gerade das Verhältnis von Glaube und Vernunft ist im Islam noch weitaus virulenter als im Christentum. Wir haben es nicht mit einer abgeschlossenen Diskussion zu tun. Sondern mit einer Debatte, die weiter geführt werden muss. Was auch für uns Katholiken gilt.

Der Dialog ist nicht eingeschlafen

Das Papier könnte also ohne Frage als wichtige Grundlage für das Gespräch der beiden Religionen funktionieren. Und zwar in erster Linie als Bedienungsanleitung, wie dieser Dialog zu führen ist. Denn genau davon handelt ein Großteil der Aussagen, wenn die Theologen festhalten: Textstellen müssen im Kontext beurteilt, Vertreter anderer Religionen mit Respekt behandelt werden. Unterschiede werden anerkannt, konfessionelle Verschiedenheit berücksichtigt. Alles unverzichtbare Voraussetzungen für weitere Verständigungen. Aber das Beste daran ist: Diese Gespräche  können funktionieren, die gemeinsame Erklärung beweist genau das. Der Dialog mag nicht immer laut geführt werden. Eingeschlafen ist er deswegen noch lange nicht.

Simon Biallowons


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