Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Bischöfe kämpfen gegen Missbrauch

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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Der Tag


Bischöfe verschärfen Kampf
gegen sexuellen Missbrauch

Erstmals schafft die Kirche eine eigene Anlaufstelle für Missbrauchsfälle – dennoch Kritik von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger

Zum Abschluss ihrer Frühjahrsvollversammlung haben die deutschen Bischöfe einen Vier-Punkte-Plan gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorgelegt. Kernstück ist die Ernennung eines bundesweiten Ansprechpartners für alle «Fragen im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich», wie der Bischofskonferenz-Vorsitzende Robert Zollitsch am Donnerstag in Freiburg mitteilte. Damit hat die katholische Kirche in Deutschland erstmals eine zentrale Anlaufstelle für solche Fälle. 

Das neue Amt übernimmt der Trierer Bischof Stephan Ackermann (46). Unterstützung erhält er von einem zentralen Büro, das die Kirche im Sekretariat der Bischofskonferenz in Bonn einrichtet. Hier soll die Zusammenarbeit zwischen Bistümern und Orden ausgebaut werden. Ackermann und das Büro haben auch die Aufgabe, den Kontakt zu «zivilgesellschaftlichen Initiativen und staatlichen Aktivitäten» zu halten. Außerdem richtet die Kirche eine bundesweite Telefonhotline ein.

Immer mehr Verdachtsfälle

Der Skandal weitet sich indes weiter aus. Nach dem Abt des Kloster Ettals, Barnabas Bögle, trat nun auch der Prior der oberbayerischen Benediktinerabtei und Schulleiter des dortigen Gymnasiums, Pater Maurus Kraß (50), von beiden Ämtern zurück. Das Kloster setzte inzwischen einen Sonderermittler für den Skandal ein. Versäumnisse beim Thema Missbrauch räumten diese Woche auch die Franziskanerminoriten ein. Am Aloisiuskolleg in Bonn sollen mehr Jesuiten als bisher angenommen Schüler missbraucht oder misshandelt haben. Die Erzabtei Ottilien nimmt Kontakt mit einem Opfer auf, das sich namentlich an den Orden wandte. Es geht um einen Fall aus den 60er-Jahren, verdächtigt wird ein Lehrer, der seit 1969 nicht mehr dem Orden angehört. Einen Zwischenbericht über Missbrauchsfälle legten inzwischen die Salesianer vor. Laut Medienberichten wollen außerdem ehemalige Heimkinder nun gegen das Franz Sales Haus klagen: "Wir wollen eine öffentliche Anerkennung unseres Leidens".

Richtlinien werden überarbeitet

Der Plan der Bischöfe sieht weiter eine Überarbeitung der kirchlichen Missbrauchsrichtlinien von 2002 mit Unterstützung externer Berater vor. Zudem sichern die Kirchenführer den Strafverfolgungsbehörden ihre «aktive Unterstützung» zu. Die Staatsanwaltschaft werde «frühzeitig eingeschaltet». Für die Priesterausbildung wird ein Bericht in Auftrag gegeben, der klären soll, ob weitere Hilfen zur «Stärkung der psychosexuellen Reife» der Priesteramtskandidaten nötig sind. Die Einrichtung eines nationalen Fonds für Opfer sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Mitarbeiter lehnten die Bischöfe ab. Zollitsch sagte, die Entschädigung sei Sache der jeweils betroffenen Bistümer und Ordensgemeinschaften. Er betonte, dass auch bislang schon finanzielle Hilfe für Therapien an Opfer geleistet worden sei. Zugleich wies der Konferenz-Vorsitzende Forderungen nach dem Rücktritt einzelner Bischöfe zurück. Er sehe unter seinen Amtsbrüdern keinen, der seine Pflichten im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen nicht erfüllt habe. Bedenken haben die Kirchenführer bei automatischen Strafanzeigen in allen Fällen sexuellen Missbrauchs. Ein solcher Automatismus, der dann auch gegen den ausdrücklichen Wunsch eines Missbrauchsopfers angewandt werden müsse, könne den Opfern im Einzelfall schaden, sagte der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer. «Unsere psychiatrischen Experten warnen uns davor.» Er kündigte zugleich an, in dieser Frage seien weitere Beratungen mit Experten geplant.

Konflikt mit Justizministerin 

Die Diskussionen über die künftige Zusammenarbeit zwischen Kirche und staatlichen Behörden wollen die Bischöfe auch mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger führen. Der Konflikt um die Äußerungen der FDP-Politikerin in den Tagesthemen sei für ihn vorerst beendet, sagte Zollitsch. Er sehe dem von Leutheusser-Schnarrenberger anvisierten Gespräch hoffnungsvoll entgegen. Die Ministerin, die ihre Kritik immer wieder bekräftigt und für einen Runden Tisch plädiert, hatte den Eindruck erweckt, dass die Kirche Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen vertusche und eine rasche strafrechtliche Aufarbeitung verhindere. Widerspruch hatte sie dafür am Donnerstag unter anderem von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) geerntet.

Überwiegend Lob am Vorgehen der Bischöfe

Bei kircheninternen Kritikern stießen die Initiativen der Kirchenführer auf ein positives Echo. «Die Bischöfe scheinen endlich die Dramatik der Situation erkannt zu haben», hieß es seitens der Bewegung «Wir sind Kirche». Auch die Initiative «Kirche von unten» sprach von einem «richtigen Schritt». Allerdings werde sich die Ernsthaftigkeit der bischöflichen Beschlüsse erst an ihrer Umsetzung erweisen. Kritik kam allerdings von der Missbrauchs-Beauftragten der Jesuiten, Ursula Raue, die mehr Entschiedenheit bei der Verhinderung von Missbrauch wünscht. Sie lobte allerdings die Ernennung von Bischof Ackermann als Ansprechpartner.

Die Frühjahrsvollversammlung tagte erstmals in Freiburg. Bei dem viertägigen Treffen beschäftigten sich die Bischöfe darüber hinaus unter anderem mit den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft sowie dem Verhältnis zum Islam.

(KNA, 26.2.10)

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