Danke, Helmut Schmidt!
Altbundeskanzler Helmut Schmidt erlebt kurz vor seinem 90. Geburtstag eine Beliebtheitsrenaissance. Bei Sandra Maischberger wird er gehätschelt, von Giovanni di Lorenzo hofiert, vom Rest der Medien oft ehrfurchtsvoll bestaunt. Dabei möchte der Vorzeige-Hanseat gar keine Kommentare zur Tagespolitik mehr geben – und wenn er es doch tut, dann versteht man den allgemeinen Respekt vor ihm ein gutes Stück mehr. Schmidts Beiträge mögen dabei nicht immer besonders neu sein. Aber dafür sind sie umso öfters einfach treffend. So wie seine jüngsten Aussagen in der Bild-Zeitung zum Verhältnis des Westens zum Islam.
In Bild hat Schmidt viele alte Erkenntnisse zusammengefasst. Und uns damit wieder einmal vor Augen gehalten, wie viel im interreligiösen Dialog, wie viel in der interkulturellen Begegnung bislang schief gelaufen ist. So sagt der Altbundeskanzler: „Das Gefühl auf muslimischer Seite, insbesondere bei den fundamentalistischen muslimischen Führern, dass der Westen sie angreift, um sie zu vernichten, kann sich noch wesentlich verstärken.“ Man wünscht sich, George W. Bush habe die Zeitung auf seiner Europa-Abschieds-Tournee durch Zufall vorgelesen bekommen. Für ihn wäre das nämlich durchaus etwas Neues.
"Kreuzzug" als Erinnerung an brutale Vergangenheit
Schmidts Worte stehen im harten Kontrast zu Bushs jüngsten Selbsteinschätzungen. Beim Lesen des Bild-Artikels wird noch einmal klar, wie fatal die Sprachwahl des US-Präsidenten in der Vergangenheit war. Erinnern wir uns an sein Schlagwort vom „Kreuzzug gegen den Terror“, wird einem die Schwere der verbalen Brandstiftung des Präsidenten klar. Ein Beispiel: Die Schia ist eine der beiden großen Glaubensrichtungen des Islam. Die Schiiten glauben an zwölf Imame, der dritte heißt Husain ibn Ali. Die Schiiten verehren ihn als Märtyrerprinz, der vor Kerbala bei der Verteidigung ermordet wurde. Vor diesem Hintergrund bekommt Widerstand gegen Besatzer eine ganz andere, eine – wenngleich man sie nicht gutheißen muss – theologische Bedeutung: Widerstand ist ein religiöses Erbe Husains. Diese Aufgabe wird durch die Bedeutung des zwölften Imams verstärkt. Nach schiitischer Auffassung verschwand er, um irgendwann wiederzukommen und für Gerechtigkeit auf der Erde zu sorgen. Bis dahin glauben die Schiiten daran, dass sie sich im Namen des Imams gegen alles Unrecht wehren müssen. Bushs Ruf nach einem „Kreuzzug“ bedeutet für die Muslime Unrecht? Darauf hat Schmidt in Bild hingewiesen. Bush kündigte einen Angriff an, den die Muslime als Vernichtungsschlag gegen sich begreifen müssen. Und eben nicht als edelmütigen Feldzug für die Freiheit.
Solche diffizilen Hintergründe hat Bush nie beachtet. Er hat muslimischen Befindlichkeiten, religiöse wie kulturelle, mit Füßen getreten und damit ein scheinbar endlosese menschliches Desaster verantwortet. Wenn der US-Präsident, wie gerade erst geschehen, seine Amtszeit beweihräuchert und damit Geschichtsklitterung betreibt, dann wirkt das noch einmal als ignorante Provokation. Oder wie sollen die Afghanen und Iraker Bushs folgendes Zitat über seine Regierung verstehen: „Wenn die Geschichtsbücher geschrieben werden, werden sie zeigen, dass die Freiheit gesiegt hat.“
Der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte hätte vielleicht anstatt auf Flugzeugträgern den starken Mann zu markieren, ein wenig mehr auf Reaktionen anderer achten sollen. Und für diejenigen, die immer noch Sympathie für die „Kreuzzüge“ des wiedergeborenen Christen George W. Bush hegen, gilt die Warnung, die Helmut Schmidt 2007 in Tübingen ausgesprochen hat: „Misstraue jedem Politiker, jedem Regierungs- oder Staatschef, der seine Religion zum Instrument seines Machtstrebens macht. Und halte Abstand von solchen Politikern, die ihre auf das Jenseits orientierte Religion und ihre diesseitige Politik miteinander vermischen.“
Danke, Helmut Schmidt!
Simon Biallowons