Eigennutz im 21. Jahrhundert heißt: sich umeinander kümmern, so Bundespräsident Horst Köhler. In seiner "Berliner Rede" geißelt er Exzesse des internationalen Finanzsystems. Er wendet sich gegen Freiheit ohne Verantwortung: "Schrankenlose Freiheit birgt Zerstörung. Der Markt braucht Regeln und Moral." So spricht der höchste politische Vertreter der Bundesrepublik Deutschland, ein Diplom-Volkswirt, früher Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds.
Köhlers Ansprache an sein Volk liest sich über weite Strecken wie eine päpstliche Enzyklika – aus dem Jahr 1967. "Populorum progressio" hieß das Schreiben Pauls VI. Da stand alles schon drin, über die Bedeutung von Bildung, über globale Auswirkungen von wirtschaftlichem Handeln, über "großtuerische Menschen, die mit tückischen Versprechungen locken", über Gier, Spekulation und das Verhältnis von Wirtschaft und Mensch.
Ist Köhler plötzlich fromm geworden? Nein, klug. Denn was Köhler jüngst zusammenfasste, stimmt. Deswegen steht er ja heute auch nicht allein mit seinen Grundthesen. Dass Solidarität und Vertrauen nicht ethisches Make-up, sondern unerlässlich sind für eine funktionierende Wirtschaft, das wissen heute sogar Finanzexperten, die noch vor sieben Monaten das Gegenteil verkündet hatten. In der Krise fiel es allen wie Schuppen von den Augen: "Wir brauchen als Weltgemeinschaft ein gemeinsames, verbindendes Ethos" (O-Ton Köhler).
Es geht nicht um die Frage, wer früher Recht gehabt hat
Nun ist es zu billig, zu sagen, der Papst habe es ja immer schon gewusst und man hätte mal früher auf ihn hören sollen. Zu billig ist allerdings auch, wenn Finanzexperten und Wirtschaftskommentatoren heute behaupten, "alle" hätten mitgemacht beim großen Finanzdeal, und "keiner" hätte das voraussehen können.
Es geht ja jetzt auch gar nicht darum, wer früher Recht gehabt hat. Wichtig ist vielmehr zu entscheiden: Auf wen hören wir künftig?
Da ist der Papst keine schlechte Adresse. Päpstliche Äußerungen gelten zwar im allgemeinen als unmodern. Das liegt aber nicht immer daran, dass sie ihrer Zeit hinterherhinken würden. Manchmal sind sie einfach auch nur lästig, weil wahr. Wie jetzt in Afrika: Was Benedikt XVI. dort zu Gerechtigkeit, zur Ausbeutung oder zur Stellung der Frau in der Gesellschaft gesagt hat, wollen manche nicht hören. Die Regierungspolitiker aus Frankreich oder Spanien, die Benedikt "Autismus" und Weltfremdheit vorwerfen, täten allerdings besser daran, päpstliche Papiere jetzt gründlich zu lesen – als sie großspurig zu übergehen. Sonst geht es ihnen wie Köhler: Sie müssen dann hinterher von "neu gewonnen Erkenntnissen" sprechen, die uns einige Fehler erspart hätten.
Joachim Rogosch