Der Bekenntnis-Binder
Kirche und Mode – das sind zwei Welten, die in der Regel so viel Berührungspunkte haben wie McDonalds und Haute Cuisine oder Marcel Reich-Ranicki und Dieter Bohlen. Umso mutiger der Vorstoß von Dietmar Kattinger, der vor Kurzem der Menschheit die erste „Katholiken-Krawatte" beschert hat. Endlich, werden manche denken, schließlich tritt die Kirche styling-mäßig seit Jahrhunderten etwas auf der Stelle. Man erinnere nur an das liturgische Gewand der Priester, an das Outfit unserer Ordensschwestern. Und auch die Zivilklamotten der katholischen Professionals sind meist nicht gerade en vogue. Höchste Zeit also für frischen Wind im klerikalen Kleiderschrank, ein Tusch für den Konfessions-Schlips. Weiß mit zartgelben und einen schmalen dunkelblauen Schrägstreifen kommt der daher, und als Clou trägt er zum dicken Ende hin den goldgelben Aufdruck „Gern katholisch". Da das Textil in den Farben des Vatikans gehalten ist, ist es laut seinem Erfinder eine „waschechte Krawatte der Katholischen Kirche", wenn auch bislang ohne offiziellen Segen der Deutschen Bischofskonferenz oder des Heiligen Stuhls.
"Es kann auch Freude machen, katholisch zu sein"
Herr Kattinger selbst zählte bislang nicht zum Kreis der Modeschöpfer, sondern ist seines Zeichens Caritas-Sprecher und Internet-Beauftragter des Bischöflich Münsterschen Offizialats in Vechta. Seinen Seiden-Binder versteht er denn auch nur bedingt als Bereicherung der aktuellen Krawattenmode. Bei dieser sind laut der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft" dieses Jahr fantasievolle und verspielte grafische Elemente, Blumen-Designs und neue Farben angesagt, Streifen sind dagegen eher out. Schwamm drüber, Kattinger will sowieso eher PR „mit Augenzwinkern" betreiben, wenngleich der Halsschmuck professionell designt wurde, um modischen Ansprüchen gerecht zu werden. „Es ist mir ein Anliegen, mit der Krawatte auf humorvolle Weise Wertewerbung für die katholische Kirche zu machen", sagt der Theologe. Es werde allzu oft geklagt und gejammert in und über Kirche. „Ich möchte dem etwas entgegensetzen und sagen, es kann auch Freude machen, katholisch zu sein."
Provokation im positiven Sinn
Schön formuliert, wenngleich ein Restrisiko bleibt, dass das „Gern katholisch“-Tuch bei manchen Zeitgenossen ein Stirnrunzeln hervorruft. Immerhin positioniert sich ein Träger zumindest gefühlt in der geistigen Nachbarschaft von populären T-Shirt-Botschaften wie „Frauenversteher", „Ich rauche gern", „Zicke" oder anderen launigen Selbstbezichtigungen. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass die Krawatte noch nicht das Ende der modischen PR-Offensive ist. Demnächst soll es nämlich auch ein Halstuch für Frauen mit dem gleichen Statement geben. Und vielleicht lässt sich der Slogan in Zukunft auf weiteren Bekleidungsstücken vermarkten. Verkneifen wir uns aber unter die Gürtellinie gehende Visionen und kehren stattdessen noch einmal zum Katholen-Binder zurück. Der hat das Zeug, zumindest in der kommenden Faschingszeit ein Renner zu werden, ist er doch geradezu eine Steilvorlage für närrisch Gesinnte, den Bekenntnis-Zipfel mit beherztem Scherenschnitt abzutrennen. Schließlich soll die Kirchenkrawatte laut seinem Erfinder ja auch ein „Anknüpfungspunkt sein für die Männer, die sie tragen". Sie werden im positiven Sinne provozieren, heißt es aus Vechta. Übrigens die ersten 250 Exemplare sind bereits verkauft. Die Startauflage des Seidenbinders war nach Angaben von Kattinger innerhalb von zehn Tagen vergriffen. Es habe Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet, aus Österreich, der Schweiz, Dänemark und Belgien gegeben
Klaus Späne