Acht Auslandsreisen hat Papst Benedikt XVI. bisher unternommen. Jede dieser Reisen war ein Erfolg – auch der gerade zu Ende gegangene USA-Besuch. Die sechs Tage in New York und Washington haben eines wieder gezeigt: Ob Bayern, Bosporus oder Bronx, die Marke Benedikt XVI. funktioniert überall.
Benedikt macht es wie der Herrgott im 1. Buch der Könige. Dort heißt es: „Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ Am Ende ist der Herr im sanften Säuseln. Genau auf diese Weise hat der Papst die USA besucht. Er kam nicht wie ein Sturm über Amerika und riss die Leute durch brillante Gestik mit. Er war kein Erdbeben und sorgte nicht für schwere diplomatische Erschütterungen. Und auch von Feuer keine Spur: Benedikts Auftritt vor der UNO war alles andere als eine Brandrede. Der Papst war still und zurückhaltend. Nicht mehr als ein Säuseln. Aber wie in der Bibel hatte dieses Säuseln eine gewaltige Wirkung.
Benedikt ist ein Anti-Held. Man möchte ihn in den Arm nehmen
Die Amerikaner haben Benedikt euphorisch gefeiert. Seine zurückhaltende Art hatte ihm schon in Deutschland die Herzen geöffnet, in den Staaten war das nicht anders. Die Messe im Yankee Stadion am Sonntag vermittelte einen tiefen Eindruck dessen, wie groß die Begeisterung in den USA war. Das war mehr noch als in Deutschland ein echtes Glaubens-Happening. Und mitten drin ein Papst, der so wenig ein Popstar ist, wie man es nur sein kann. Benedikt ist ein Anti-Held, einer, den man eher in den Arm nehmen möchte, als zu ihm aufschauen. Und genau das brauchen die Menschen offensichtlich. Sein fast schon linkischer Gruß mit der Hand ist längst ein Markenzeichen und hat auch den Amerikanern signalisiert: Ich mag zwar Papst sein, aber in erster Linie bin ich ein demütiger Diener. Es gibt wohl wenige Mächtige dieser Welt, denen man solche Aussagen abnehmen würden. Benedikt XVI. gehört definitiv dazu.
Doch war seine Demut auch dazu geeignet, um der Welt wie angekündigt ins Gewissen zu reden? Wohl kaum. Besonders die Rede vor der UNO-Vollversammlung machte noch einmal klar: Dieser Papst ist nicht nur kein Popstar, sondern er ist auch kein Politiker. In diesem Fall war es eine verpasste Chance. Auch die Tatsache, dass er weder Irak-Krieg noch Todesstrafe angeprangert hat, kann man durchaus kritisch sehen.
Die Zurückhaltung steht dem Papst und der Kirche sehr gut zu Gesicht
Insgesamt allerdings hat Benedikt durch seine Zurückhaltung sicherlich mehr bewirkt, als er das mit einer Generalabrechnung gekonnt hätte. Seine Worte für die Kindermissbrauchsskandale trafen genau den Nerv der Menschen, das Treffen mit einigen Opfern war ein beeindruckendes Zeichen. Als Papst Johannes Paul II. 2000 für Kreuzzüge und Inquisition um Vergebung bat, zeigte er damit: Die Kirche ist sich ihrer Fehler bewusst. Und sie weiß, dass sie manche Menschen schwer hat leiden lassen. Benedikt XVI. hat dies durch seine mutige Selbstkritik bestätigt und jeglichen Arroganz- oder Vertuschungsverdacht ausgeräumt. So wie das Oberhaupt der katholischen Kirche mit seinen Predigten dafür sorgen will, dass der Glaube an den Wurzeln gestärkt wird, räumt er auch erst einmal im Inneren auf, bevor er zum großen Diskurs ansetzt. In Amerika zeigte sich einmal mehr die schon fast unheimlich Konsequenz von Handeln und Botschaft: So wie Benedikt den Menschen erst einmal das Evangelium wieder nahe bringen will, ehe er an den interreligiösen Dialog denkt, versucht er die eigenen Schwächen auszuräumen, bevor er auf andere mit dem Finger zeigt. Diese Zurückhaltung steht dem Papst und der Kirche sehr gut zu Gesicht. Nicht nur bei dem Besuch in Amerika. Und deshalb darf man sich der Times anschließen, die zum Ende der Reise forderte: „Die Welt sollte dem Papst für sein Engagement in den vergangenen Tagen dankbar sein.“
Simon Biallowons