Seit Dienstag besucht Benedikt XVI. zum ersten Mal als Papst die Vereinigten Staaten, und auch hier stellt sich die Frage: Was will der deutsche Papst in den USA?
Eine erste Antwort darauf hat Benedikt selbst gegeben, als er ankündigte, „geistliche Erneuerung für alle Amerikaner bringen“ zu wollen. Nun ist dieses Anliegen keinesfalls neu: „Geistliche Erneuerung“ gehört zum Standard-Reportoire des Papstes. Trotzdem überrascht die Ankündigung, handelt es sich doch bei den USA um eine sehr spirituelle Gesellschaft. So ermittelte der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung mit gut 62 Prozent einen fast unglaublichen Anteil an hochreligiösen Menschen. Zum Vergleich: In Deutschland, das gerade angeblich eine Renaissance des Glaubens erlebt, sind es gerade einmal 18 Prozent. Warum also will der Papst ein Land religiös erneuern, das ohnehin zu den spirituellen Bastionen der Welt zählt? Ein Land, in dem tausende Gläubige in die Megachurches strömen. Ein Land, dessen Geldscheine immer noch mit „In God we trust“ bedruckt sind.
Fataler Ruf als Sammelbecken für Pädophile
Zunächst einmal darf man nicht übersehen, dass die Anzahl der Hochreligiösen zwar imposant, der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung aber eher ernüchternd ist. Nur jeder fünfte Amerikaner ist Katholik. Kein Vergleich zu den letzten Ländern, die der Papst zuletzt besuchte. Ob Deutschland, Brasilien oder Österreich: Mit Ausnahme der Türkei war Benedikt in tief katholischen Ländern unterwegs. In den USA mag die Kirche zwar die größte Glaubensgemeinschaft sein, trotzdem kann man ihre Stellung zum Beispiel nicht mit der Kirche in Brasilien vergleichen. Und diese Stellung bröckelt, ja sie schien zuletzt beinahe vollends einzustürzen. Die Kindermissbrauch-Skandale, die 2002 ans Licht kamen, haben das Land zutiefst erschüttert und der Kirche eine fatalen Ruf als Sammelbecken für Pädophile eingebrockt. Fast zwei Milliarden Dollar mussten die Bischöfe insgesamt an Entschädigungen zahlen, einige Diözesen gingen Pleite. Schlimmer noch als der finanzielle Schaden wiegt allerdings der Verlust der moralischen Autorität. Die Bevölkerung hat nicht vergessen, dass manche ihrer Hirten selber schwarze Schafe waren – Pauschalverdächtigungen sind inzwischen durchaus opportun und salonfähig.
In diese Situation hinein trägt Papst Benedikt XVI. sein Motto „Christus ist unsere Hoffnung“. Die Losung seiner Enzyklika passt für seinen Amerikabesuch wie Ketchup zu Pommes, selten hat ein Motto die Befindlichkeit vor Ort so getroffen. Was Barack Obama für die Politik ist, soll der Papst für die amerikanische Kirche sein. Auf den „Messiasfaktor“ setzen viele Gläubige, die Messen mit dem Heiligen Vaters sind völlig ausgebucht. Moralische Integrität spielt für die USA eine große Rolle in einer Zeit, in der von Bush bis Britney viele ehemalige Vorbilder untragbar geworden sind.
„Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“
Der Papst will geistliche Erneuerung bringen. Doch das ist nur die eine Seite. Denn ohne Zweifel hat bislang keiner seiner Besuche eine ähnlich hohe politische Bedeutung. In Bayern hat Benedikt vor Trachtlern und Blaskapellen gesprochen. In New York wird er während der UNO-Vollversammlung vor Staatschefs und Spitzendiplomaten reden. Dabei werden Erinnerungen an Paul VI. wach. Dessen Worte am 4. Oktober 1965 gehören einer der aufrüttelndsten Ansprachen des letzten Jahrhunderts. „Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“ – Benedikt wird am Freitag mit einem großen Erbe an das Rednerpult treten. Doch nicht allein die Schatten seiner Vorgänger werden auf ihm lasten, auch die der Kriege und weltpolitischen Krisen. Benedikt sieht sich bei weitem nicht als so politischer Papst wie Johannes Paul II. Nicht umsonst sagte Präsident George W. Bush im Vorfeld: "Der Papst kommt nicht als Politiker, er kommt als ein Mann des Glaubens.“ Trotzdem wird Benedikt politisch Stellung beziehen müssen. Er will der „Welt ins Gewissen reden“. Dass eine moralische Gardinenpredigt reicht, darf allerdings bezweifelt werden. Benedikt hat viel mehr die große Chance, nun auch politisch ein deutliches Signal zu setzten. Angesichts der brutalen Menschenrechtsverletzungen in Tibet, Dafur oder dem Irak steht der Papst unter Zugzwang. Umso brisanter wird Benedikts Auftritt, haben doch gerade die USA in den letzten Jahren des Bush-Debakels ihr ideologisches Saubermann-Image gänzlich verloren.
Wird Benedikt also wie Johannes Paul II. 1987 eine „neue Freiheit“ fordern und Amerika an seine ursprünglichen Werte erinnern? Wird er wie Paul VI. leidenschaftlich alle Kriegstreiberei verdammen, der dazu 1965 Kennedy zitierte: „Die Menschheit kann dem Krieg ein Ende setzen oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende“. Tut er das nicht, vergibt er eine große Gelegenheit. Die Gelegenheit in Amerika vom Pastoral-Papst zum Papst-Politiker zu werden. Diese neue Seite könnte Benedikt in Amerika zeigen. Und es damit seinem Namensvetter gleich tun: Benedikt XV. – dem „Friedenspapst“.
Simon Biallowons