Es ist vollbracht: Die amerikanische Tagespresse hat den Heiligen Vater zum Titelthema gemacht. Das zeigt, wie wichtig der Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes ist. Immerhin ist die Nachrichtenlage in den Vereinigten Staaten derzeit alles andere als dürftig. Präsidentschaftswahlkampf und die von US-Richtern für zulässig erklärte Todesspritze sind die Topthemen am Donnerstag – hinter dem Papstbesuch.
Die „Washington Post“ titelt auf der ersten Seite: „Pontifex ruft nach breit angelegten Heilmitteln“ und berichtet von einem effektiven ersten Tag. Der „Boston Globe“ notiert anerkennend, dass der Papst „sich unmittelbar den schwierigen Themen widmete“. Gemeint ist damit aber eigentlich nur ein Thema: der Pädophilie-Skandal. Der hat die katholische Kirche in den USA bereits vor Jahren in eine schwere Krise gestürzt, weil mehr als 4000 Geistliche des sexuellen Missbrauchs von Kindern überführt wurden. Viele Kritiker waren sich im Vorfeld der Papst-Reise sicher, dass Benedikt XVI. sich vor diesem heiklen Thema drücken wird. Denn der Pontifex hatte sich gegen einen Besuch der größten Erzdiözese entschieden – in Boston wurden 2002 die ersten Missbrauchsfälle enthüllt, die die Kirche jahrzehntelang gedeckt hatte.
Jetzt hat der Papst den Kritikern den Wind aus den Segeln genommen: Kein Tag seiner Reise vergeht, an dem er nicht über den schmutzigen Pädophilie-Skandal spricht. Benedikt tat es am ersten Tag bei einer Pressekonferenz während des Fluges von Rom nach Washington. Er tat es am zweiten Tag in seiner Grundsatzrede zur Lage der Kirche in den Vereinigten Staaten. Und er tat es auch am dritten Tag: Während des ersten großen Gottesdienstes seiner Reise im Baseball-Stadion von Washington kritisierte er am Donnerstag das unmoralische Verhalten des Klerus. „Keines meiner Worte kann den Schmerz und das Leid beschreiben, das solcher Missbrauch zufügt“, klagte er. Damit unterstrich er seine „tiefe Scham“, die er bereits am Mittwochabend vor rund 350 US-Bischöfen in der Basilika des National Shrine geäußerte hatte. Da war auch die Rede von einer „abgrundtiefen Schande“ und einem Versagen im Krisenmanagement. Im Baseball-Stadion wandte er sich am Donnerstagvormittag mit einem unmissverständlichen Aufruf an die 46.000 Katholiken, die zu der Messe gekommen waren: „Heute appelliere ich an jeden von euch, alles Mögliche zur Heilung, zur Aussöhnung und zur Hilfe für die Opfer zu tun.“
Die Opfer selbst traf Benedikt XVI. am Donnerstagnachmittag in einer Kapelle der Nuntiatur in Washington. Es war eine Begegnung, die überraschte und weit über die Erwartungen hinausging. Das Treffen, das im offiziellen Programm der Reise nicht vorgesehen war, zeigte: Der Heilige Vater nimmt den Pädophilie-Skandal sehr ernst. Es ist ihm wichtig, das Seine zu tun, um die Wunden, die der sexuelle Missbrauch bei Amerikas Katholiken hinterlassen hat, zu heilen. Die persönliche Begegnung mit einigen Opfern ist eine große Geste – vermutlich ist es sogar das erste Treffen eines Papstes mit Missbrauchsopfern von Priestern überhaupt. Der katholische Oberhirte hat einen Schritt getan, zu dem die Kirche lange nicht fähig war und hinter den sie nicht zurück kann. Im Vorfeld der USA-Reise haben Vatikan-Experten den Besuch am Ground Zero immer wieder als den emotionalen Höhepunkt des Papst-Aufenthalts angekündigt. Vermutlich haben die Katholiken ihn aber bereits am Donnerstag erlebt – mit der Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Missbrauchsopfern.
Beate Spindler