Jede Papstreise hat ihren eigenen emotionalen und visuellen Höhepunkt, ein Bild das jeder sofort mit dieser Reise verknüpft. Beim Besuch von Papst Benedikt XVI. hätte das die Rede vor der UNO-Vollversammlung sein können. Sie war es aber nicht.
Man sollte ehrlich sein: Niemand hat wirklich damit gerechnet, der Heilige Vater würde vor den Staatschefs ein rhetorisches Feuerwerk abbrennen, würde das Hohe Haus in seinen Grundfesten erschüttern. Das kann Benedikt XVI. schlichtweg nicht.
Wo Paul VI. aufrecht am Pult stand und „Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“ forderte, wo Johannes Paul II. die Faust ballte und konkrete Wünsche äußerte, da sitzt Benedikt XVI. auf seinem Stuhl und doziert: „Gleichzeitig dienen die Universalität, Unteilbarkeit und Interdependenz der Menschenrechte als Schutz der Garantie für Menschenwürde.“
Enge Vertraute des Heiligen Vaters hatten angekündigt, er werde der „Welt ins Gewissen reden“ – dann muss das Gewissen aber wirklich sehr genau zugehört haben, sonst hat es wenig verstanden. „Universalität“ und „Interdependenz“ mögen Philosophie-Studenten vor der Prüfung erzittern lassen. Bei einem Ministerpräsidenten dagegen hinterlassen diese Worte höchstens Unverständnis und Ratlosigkeit. Und manch einer der Staatschefs mag durchgeatmet haben: Mit der abstrakten Sprache des Papstes lassen sich konkrete Menschenrechtsverletzungen wie in Tibet oder im Irak kaum wirksam kritisieren. Dazu fehlte es der Rede an Aha-Effekten und eingängigen Wendungen.
Ein wenig mehr Popstar statt Professor
Nun wäre es sicherlich vermessen, vom Heiligen Vater plötzlich eine Rede in bester Cicero-Manier zu erwarten. Er hat sein Pontifikat bislang mit seiner zurückhaltenden und grundsätzlichen Art hervorragend gestaltet. Und trotzdem hinterlässt die Rede vor der UNO-Vollversammlung eine tiefe Enttäuschung. Erst drei Päpste redeten hier – die Vorlesung des Professor-Papstes wird sicherlich am wenigsten in Erinnerung bleiben. Das liegt nicht an dem, was inhaltlich geboten wurde. Wie immer, wenn Benedikt auftritt, war seine Rede bis ins kleinste Detail intelligent und anspruchsvoll gestaltet. Aber genau das war diesmal das Problem. Ein wenig mehr Blendwerk statt genauer Textverweise, etwas mehr Wortwitz statt intellektueller Tiefe – das wären die Mittel gewesen, um der Welt wirklich ins Gewissen zu reden. In einem Land, wo der Wahlkampf ein Medienspektakel ist, hätte man sich ein wenig mehr Popstar statt Professor gewünscht.
Sicher: Benedikts Rede enthielt durchaus Kritik. Wenn er sagt, dass es unbegreiflich sei, „dass Gläubige einen Teil ihrer selbst unterdrücken müssen, nämlich ihren Glauben, um aktive Bürger zu sein“ weiß der Große Rat in China sehr genau, wer gemeint ist. Und natürlich ist es eine starke Forderung, wenn der Papst die Intervention der UN im Krisenfall fordert.
Chance verpasst, Möglichkeit vergeben
Doch das hätte man auch in einem grundsätzlichen Rundschreiben darlegen können. Dazu hätte man die UNO-Vollversammlung, die Milliarden von Zuschauern, die unzähligen Fernsehteams und Journalistengruppen nicht benötigt. Es ist ein wenig wie die Theater-Truppe, die zum ersten Mal im Burgtheater auftritt und einen kurzen Schwank von Kishon aufführt. Der Inhalt mag in Ordnung sein – aber er wirkt schlichtweg nicht. So war das auch mit Benedikt im Glaspalast der Vereinten Nationen. Seine Rede passte nicht auf diese Bühne. Sie passte nicht zu diesem Publikum. Und deshalb hat Benedikt eine Chance vertan. Er hat die Möglichkeit vergeben, das zu tun, was er von seinen Brüdern im Glauben verlangt: Profil zeigen und klar Position beziehen. Benedikt XVI. vor der UNO-Vollversammlung wird als Bild nicht im Gedächtnis bleiben. Weder als Sinnbild für diesen Besuch, noch als Szene von weltpolitischer Bedeutung. Und das ist nicht gut so.
Simon Biallowons