Der Papst und die Juden
Kritiker in aller Welt wollen in der Aufhebung der Exkommunikation von Richard Williamson, der die Morde an Juden in Gaskammern der Nazis geleugnet hatte, ein Aufflammen von jahrhundertealten, tiefen Abneigungen der Katholischen Kirche gegenüber den Juden erkennen. Wie Papst Benedikt XVI. zum Judentum steht, lässt sich so einfach aber nicht erklären. Ein Kommentar von Antonia Groll
Mit allen Vorwürfen, die nach der Aufhebung der Exkommunikation des lefebvrianischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson nun die Gemäuer des Vatikans erschüttern, wird auch einer wieder laut: jener uralte des Antisemitismus bzw. Antijudaismus gegen die Katholischen Kirche. In dieses Licht wird Benedikt XVI. gerückt, wenn sich Medien damit brüsten, nun die „Linie“ dieses Papstes nachzeichnen zu können. Noch skandalöser erscheint da etwa seine kürzliche Änderung der Karfreitagsfürbitte, die lautet, der Herr möge die Herzen der Juden erleuchten, „damit sie Jesus Christus erkennen“.
Wer Benedikt XVI. mit einer abfälligen Geste vorwirft, das Versöhnungswerk, die Bemühung um den christlich-jüdischen Dialog seines Vorgängers Johannes Paul II. zunichte gemacht zu haben, sollte einmal einen Blick in sein Buch Jesus von Nazareth werfen: Es ist eine einzige Abhandlung der Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament, eine faszinierende und beeindruckende Analyse der Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum.
Sie trennen sich aber nun einmal im Entscheidenden: Jesus Christus. Das Verhältnis dieser beiden Religionen ist, gerade bedingt durch ihre Nähe und Ferne, ein vielschichtiges. Es gäbe keine Christen, hätte es nicht zuerst Juden gegeben. Der scheinbar ewig wunde Punkt: Jesus, selbst ein Jude, wurde von ihnen ans Kreuz gehängt, verspottet, getötet. Macht dies die Kluft zwischen Juden und Christen nicht zu einer, die bis zum Rand von Vorwürfen erfüllt bleiben muss? Benedikts XVI. Linie hierzu ist unmissverständlich: Juden und Christen sollen sich „in einer tiefen inneren Versöhnung gegenseitig annehmen“. Es waren nicht die Juden, sondern die Menschen mit ihrer menschlichen Sünde, die Jesus so erniedrigten – und die er durch sein Sterben und Auferstehen schließlich erlöste. Benedikt XVI. betont immer wieder, dass an dieser Stelle das Christentum universal wurde, während das Judentum an ein Volk gebunden blieb.
Der Absolutheitsanspruch der Religionen macht den Dialog zum Balanceakt
Kann nun der gläubige Katholik sagen, ebenso wahr wie ein Leben in Christus sei, den Sohn Gottes nicht anzuerkennen? Diese Art des Relativismus lehnt Benedikt XVI. konsequent ab. Er macht keinen Hehl daraus, dass das Christentum beansprucht, auf Erkenntnis zu beruhen und absolut wahr zu sein. Ebenso wie schon Johannes Paul II. und seinen Vorgängern geht es ihm aus tiefer Überzeugung um das Festhalten an dieser Wahrheit und ihre Verkündigung – nicht einfach, wie etwa der Theologe Hans Küng im „Spiegel“ kommentiert, um die „Macht“ der Kirche. Den Anspruch der Wahrheit erhebt im übrigen nicht allein das Christentum, wie die empörten Reaktionen auf die geänderte Karfreitagsfürbitte ja gerade zeigen. Genau das macht den Dialog zwischen den Religionen zu jenem ständigen, komplizierten Balanceakt, wie wir ihn ständig erleben.
Die Frage ist, wie ein Papst diesen Absolutheitsanspruch vertritt. Prinzipiell hat Benedikt XVI. die Antwort darauf in seiner Regensburger Vorlesung gegeben: Wider die Vernunft und wider das Wesen Gottes wäre ein Weg der Gewalt. Eine Fürbitte in einer katholischen Messe fällt wohl kaum unter das Schlagwort der gewaltsamen Missionierung, zumal der Papst selbst betont, weder Juden noch Christen sollten in ihrer Versöhnung ihre Religion verleugnen.
Eine solche neue Versöhnung wird nun nötig sein – und das wegen einer unnötigen Geste des Vatikans, die nicht einmal unmittelbar etwas mit dem schwierigen Thema des Wahrheitsanspruches der Religionen zu tun hat. Eine „Linie“ im Sinne eines Antijudaismus des Papstes lässt sich in der Rehabilitierung Williamsons aber schon allein deswegen nicht festmachen, da Benedikt XVI. den Holocaust wiederholt mit deutlichsten Worten verurteilt hat. Dies ändert nichts daran, dass Juden nun zutiefst verletzt und Katholiken empört sind. Benedikt XVI. wird nicht schnellschussartig reagieren. Doch er wird einen Weg der Taten gehen müssen, um seine wahren Anliegen zu verdeutlichen und sich zu versöhnen – mit Gläubigen auf beiden Seiten.