Heiliger Kater
In der Kölner Innenstadt wimmelt es von jungen Menschen. Sie sind fröhlich, viele singen. Ein junger Mann ruft meinem Kollegen laut zu: „Bist du katholisch?“ Mein Kollege nickt. Darauf schreit der Jugendliche glücklich: „Geil, oder?!“
Diese Szene hat sich auf dem Weltjugendtag 2005 ereignet. Joseph Ratzinger war seit drei Monaten Benedikt XVI. Das „Wir sind Papst“-Fieber grassierte. Das ist lange her. Die Euphorie ist weg. Speziell die deutschen Katholiken leiden am heiligen Kater.
In nur wenigen Wochen hat Benedikt XVI. für einen Imageschaden und Vertrauensverlust in der katholischen Kirche gesorgt, den viele nicht für möglich hielten. Es ist ja ein hehres Ziel, auf dem Weg zur Einheit der Christen vier ultrakonservativen Bischöfen der Piusbruderschaft die „Hand der Versöhnung“ entgegenzustrecken. Der Papst tut das aber auf Kosten der Einheit der Christen, die schon fest in der katholischen Kirche verankert sind. Wer das Zweite Vatikanum ablehnt, den Holocaust leugnet und Juden als „Gottesmörder“ bezeichnet, liefert genügend Gründe, dass er in der katholischen Kirche nichts zu suchen hat. So sehen das Viele in diesen Tagen. Und so entsteht Wut. Verständlich.
Papst Benedikt XVI. ist ein brillanter Theologe, aber kein begnadeter Politiker
Dazu managt der gesamte Vatikan die Krise äußerst schlecht. Papst Benedikt XVI. ist ein brillanter Theologe, aber kein begnadeter Politiker. Das war bekannt. Dass sich die strategischen wie politischen Inkompetenzen aber durch den gesamten Kirchenstaat ziehen, macht den Beobachter fassungslos. Daran ändert auch die Aufforderung an Richard Williamson, die Holocaust-Leugnung zu widerrufen, sonst könne er nicht wieder als Bischof wirken, nichts. Die Aufforderung kam spät, und sie kam nicht durch den Papst persönlich. Darüber hinaus ist es einfach nicht zu verstehen, warum jemand mit dem Horizont eines Piusbruders überhaupt wieder bischöfliche Würden zurückerhalten soll. So sehen das Viele in diesen Tagen. Und so entsteht Enttäuschung. Verständlich.
Durch die Rehabilitierung der vier Piusbrüder hat Papst Benedikt XVI. enorm viel Vertrauen verspielt. Das ist besonders in einer Glaubensgemeinschaft verheerend. Jetzt braucht es ein schnelles und noch deutlicheres Zeichen als bisher, und es muss vom Heiligen Vater persönlich kommen. Auch eine erneute Exkommunikation, die kirchenrechtlich zugegebenermaßen kompliziert wäre, darf da kein Tabu mehr sein.
André Lorenz