Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Interview zur Krise

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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Wohin will der Papst?

"Wenn man der Piusbruderschaft heute die staatliche Gewalt geben würde, würden die Scheiterhaufen wieder brennen"


glaubenslust.de: Herr Professor, die Aufnahme der vier Lefebvre-Bischöfe hat die Kirche in eine der größten Krisen der letzten Jahrzehnte gestürzt. Wäre diese Krise vermeidbar gewesen?
Professor Paul Zulehner: Ja. Der Papst hätte Williamson sofort ein Ultimatum für den Widerruf mit einem genauen Datum stellen müssen. Es ist völlig absurd, zu sagen: „Wir wünschen einen Widerruf“, und kein Datum zu nennen. Das war ein gravierender Leitungsfehler des Staatssekretariats.

?: Williamson hat das zu einer Mischung aus Leugnen und Hinalten genutzt.
!: Schlimmer noch: Williamson hat den Vatikan verspottet. Es ist doch unsäglich, dass er auf die Widerrufs-Forderung antwortet, er müsse erst genauer die historischen Fakten recherchieren. Der Papst hat die Arme weit ausgebreitet nach rechts, und die Piusbrüder haben diese Geste nur genutzt, um den Vatikan in unglaublicher Weise zu desavourieren.

?: Man spricht immer davon, dass diese Piusbruderschaft „ultra-traditionalistisch“ ist. Was bedeutet das genau?
!: Natürlich einmal die Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und anderer Reformen. Auf eines allerdings will ich aufmerksam machen: Bei der Piusbruderschaft ist ein aus der Forschung bekanntes Phänomen zu beobachten. Wenn sich jemand so sehr auf den rechts-außen Flügel begibt, dann liegt eine Persönlichkeitsstruktur vor, die wir heute die „Unfähigkeit zur Vielfalt“ oder „Pluralitätsinkompetenz“ nennen.

?: Was heißt das genau?
!: Solche Menschen tolerieren nur sich und keine anderen. Eine Wortanalyse dieser Leute könnte das Gleiche ergeben, was auch bei einer Wortanalyse totalitär-faschistischer Systeme herauskommen würde. Das, was diese rechten Flügel propagieren, ist hoch autoritär. Das ist gewaltförmig bis tief in die Sprache hinein.
Wer dagegen einen reifen Glauben hat, wird dagegen immer ein Freund der Vielfalt sein und sagen: Die anderen haben immer auch etwas, was mir fehlt. Das ist ein Satz, den Sie von der Piusbruderschaft nie hören werden. Die ist so schwach und in ihrer Erstarrung so verunsichert, dass ihnen alles wie eine Bedrohung erscheint, was anders ist. Ihre Reaktion darauf: vernichten. Deshalb bin ich überzeugt: Wenn man der Piusbruderschaft heute die staatliche Gewalt geben würde, würden die Scheiterhaufen wieder brennen.

?: Angesichts dieser fundamentalen Probleme ist es nur schwer verständlich, weshalb der Papst so einer Gruppe die Hände gereicht hat.
!: Es kann sein, dass Benedikt XVI. etwas vollenden will, was er zusammen mit Papst Johannes Paul II. begonnen hat: die Aussöhnung mit den Lefebvrianern. Unter Johannes Paul II. ist das noch gescheitert und vielleicht ist deshalb Benedikts momentaner Versuch weniger ein Dienst an der Kirche, als eher ein Akt der Loyalität zu seinem Vorgänger. Allerdings unter Voraussetzungen, über die man nur den Kopf schütteln kann. Um das Bild der Bewährungshilfe zu gebrauchen: Man macht die Entlassung, bevor die Bewährung stattgefunden hat.

?: Diese „Entlassung“ bedeutet, dass die Exkommunikation wieder aufgehoben ist. Das ist ein wichtiger Schritt.
!: Nun ja, ich würde es mit dem alten Kirchenrecht halten, das sagt: Was der Papst formal gemacht hat, ist nur die sichtbare Oberfläche. Aber die Entscheidungen fallen in der Tiefe. Wenn einer noch so oft aufgenommen ist in die communio, aber inhaltlich die communio nicht sucht oder selbst zerstört, dann ist er nach wie vor in der Sache exkommuniziert. Im Klartext: Wer den Holocaust leugnet, ist nach wie vor draußen...

?: Also ist Bischof Williamson immer noch exkommuniziert?
!: Meiner Meinung nach, ja. Durch sein Verhalten exkommuniziert er sich in der Sache...

?: Also das, was man im Kirchenrecht eine „Tatstrafe“ nennt…
!: und insofern ist die Rücknahme der Exkommunikation nur die rechtliche Oberfläche und nicht die inhaltliche Bewegung, die stattfinden muss. Momentan zeigen alle Äußerungen aus der Piusbruderschaft, dass man nicht gewillt ist, diese inhaltliche Bewegung zu zeigen, sondern lieber als revolutionäres Potenzial antivatikanischer Art die Kirche von innen auf den alten Kurs bringen will. Das entspricht ganz der Logik der 68er mit ihrem „Marsch durch die Institutionen“. Dieses Prinzip gilt für rechts genauso wie links.

?: Welche Auswirkungen hat das für Benedikt XVI.? Hat er sein Pontifikat damit schon jetzt beschädigt?
!: Ganz sicher. Der Heilige Vater ist in eine Zwickmühle geraten, aus der er nur mit einem Befreiungsschlag herauskommt. Wenn nichts Markantes aus dem Vatikan kommt, wird die Autorität des Papstes in weiten Kreisen Europas, ja der Welt, Schaden leiden.

Lesen Sie weiter:

Zweiter Teil: "Die Leute sind enttäuscht, dass die Kirche zurzeit eher nach rechts schaut"

Dritter Teil: "Ich halte Bertone für eine problematische Fehlbesetzung"

Vierter Teil: "In Österreich hat die päpstliche Autorität gewonnen"




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