Aus diesen Gründen dürfen Berichte über Vatikan und Papst nicht kompliziert sein, nicht zu ernst, nicht zu anspruchsvoll. Sie dürfen sich nicht Sachfragen konzentrieren und nicht auf die große weite Welt. Über Papst und Vatikan darf man zwar informieren, es soll aber gleichzeitig unterhalten und bewegen, Glaubens- und Ethikfragen sollten keine große Rolle spielen, denn sie sind zu kompliziert. Gut verkaufen sich Geschichten um die Person des Papstes. Sie sollten ihn als Mann der Heimat zeigen.
Daher interessieren der Hut, die Schuhe, die Brille, die Handverletzung des Papstes meist mehr als seine Thesen zu Gerechtigkeit und Frieden, zum Religionsdialog und zum rechten Glauben an Jesus Christus. Es wird vorausgesetzt, dass der Papst konservativ ist, denn das war immer schon so. Wenn er etwas Progressives sagt, ist das sicher ein Ausrutscher. Die Taschendiebe auf dem Petersplatz, das Loch in der Vatikanbilanz, der Seitensprung eines Monsignore sind wesentlich wichtiger als päpstliche Kritik an Ausbeutung, Porno und Gewalt. Die Finanzspritze für die Kirche in Malawi, den Religionsdialog in Abu Dhabi und das schlaue Buch von Kardinal Martini interessieren wenige. Woher kommt all das?
Die Botschaft der Kirche im Kontrast zur Welt
Wer das Evangelium auch nur ein bisschen kennt, wird sich nicht wundern, dass die Botschaft der Kirche kontrastiert mit der „Welt“. Jesus kam bei den meisten seiner Landsleuten nicht gut an. Es wäre erstaunlich, wenn das Evangelium heute in der Welt „ankäme“. Dennoch müssen alle Christen versuchen, überzeugend christlich zu leben, und die Kirche muss versuchen, überzeugend zu verkünden.
Der Vatikan steht vor einer schwierigen internationalen Aufgabe. Das, was er der Welt mitteilen will, geht in ganz unterschiedliche Weltregionen, Kulturen. Er steht gleichsam der ganzen Welt gegenüber. Wir sind in Mitteleuropa immer wieder in Gefahr zu meinen, dass man in der ganzen Welt so denkt, wie bei uns. Die Einstellung zu Religion ist aber in Europa eher eine Ausnahme, denn gebildete Asiaten, Afrikaner und Lateinamerikaner gehen selbstverständlich davon aus, dass es einen Gott gibt. Ähnlich gehört Religion, kirchlicher Glaube ganz selbstverständlich zur Kultur der Vereinigten Staaten. Die europäische Verdrängung von Religion ins Private ist ein Sonderfall. Religiöse Führer, also auch der Papst, werden vor allem in Asien und Afrika selbstverständlich respektiert. Sie gelten dort als Männer Gottes.
Ganz im Unterschied dazu haben sehr viele Medienmacher in Europa die Tendenz, alles zu belächeln, was nach Grundsätzen schmeckt. Alles ist relativ – außer Sport, Schönheit und Erfolg. Es gilt weitgehend nur das Nützliche, Pragmatische. Das hat sich sehr gut beim letzten Bundestagswahlkampf gezeigt. Weltanschauung spielte fast keine Rolle. Wichtig war nur das, was für das praktische Leben zählt: Gesundheit, Bildung, Arbeitsplatz und Geld.
Da der Papst – ebenso wie andere religiöse Autoritäten – aber eben nun von Werten in einem anderen Bereich spricht, sind seine Botschaften fremd. Und wenn sie dem eigenen Nutzen widersprechen, versuchen viele Medien sie zu belächeln als ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit.
Werte wie Treue in der Ehe, Familienzusammenhalt, allgemein Verbindlichkeit werden geduldet, aber nicht gepflegt, eher belächelt. Religiöse Symbole, die manchen heilig sind, werden nur dann respektiert, wenn ihre Verunglimpfung zu Gewalttaten führt. Wenn keine Gewalt droht, kann fast jedes religiöse Symbol lächerlich gemacht werden, natürlich auch ein Papst und seine Stellungnahmen.
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass der Vatikan oft in den Medien nicht gut „rüberkommt“. Im Gegenteil ist es für ihn besonders schwer, seine Anliegen so in die Medien zu bringen, dass sie gehört und verstanden werden. Dazu kommt, dass der Vatikan meiner Ansicht nach immer noch von sehr viel Wohlwollen in der Medienwelt ausgeht, was leider nur teilweise stimmt. Und er ist noch nicht auf der Höhe, auf der heutzutage Medienarbeit gemacht werden muss. Der Vatikan setzt die heutigen Mittel der Kommunikation noch lange nicht wirklich effizient ein.
Voraussehen, wo der Papst in eine Falle tappt
Die Defizite zeigten sich besonders, als Papst Benedikt die Exkommunikation der Männer aufhob, die ohne päpstliche Erlaubnis zu Bischöfen geweiht worden waren. Es war zwar wirklich reiner Zufall, dass am gleichen Tag das Interview ausgestrahlt wurde, in dem Bischof Williamson den Holocaust leugnete. Aber die Aussage „Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner“ war immer falsch. Das konnte auch jeder Journalist wissen, aber es war „natürlich“ ein Vergnügen, den Vatikan so „reinfallen“ zu lassen. Wenn man der Öffentlichkeit vernünftig erklärt hätte, was die Exkommunikation und deren Rücknahme bedeutet, wäre nichts passiert. Im Vatikan hat sich niemand hinreichend mit der Frage befasst, wie die Weltöffentlichkeit diesen an sich guten päpstlichen Schritt aufnimmt. Auch nachdem das „Kind ins Wasser gefallen“ war, hätte man noch viel besser retten können.
Wir sind am Lernen
Für den Augenblick meine ich: Die Homepage des Vatikans sollte aktuelle Meldungen enthalten. Bisher ist sie nur ein sehr gutes Archiv, man kann drin stöbern und wird fündig, aber es fehlt das, was ein Papst zum Beispiel gestern gesagt hat. Das wovon gerade im Augenblick die Medien sprechen, sucht man vergeblich. Schade!
Es gibt die Vatikanzeitung Osservatore Romano in sieben Sprachen. Aber noch findet man die Texte nicht auf einer Homepage der Vatikanzeitung. Mit den gedruckten Ausgaben erreicht man je Sprache etwa 15.000 Adressen. Mit elektronischen Ausgaben erreichte man wohl zehn mal mehr.
Der Sender des Papstes, Radio Vatikan strahlt informative und geistliche Programme in rund 45 Sprachen aus. Und dies seit über 70 Jahren. Die Programme sind nicht nur auf Mittel- und Kurzwelle, sondern vor allem auch weltweit im Internet zu hören. Es ist der katholischen Kirche aber leider nicht gelungen, den über einer Milliarden Katholiken effizient mitzuteilen, dass es diese Möglichkeit der Verbindung aller Kirchen untereinander gibt.
Die wichtigste Stelle im Vatikan für die Information der Weltöffentlichkeit ist der vatikanische „Pressesaal“. Hier wird sehr ordentlich und korrekt gearbeitet. Manchmal aber würde man sich wünschen, dass es hier noch „cleverer“ zugeht, dass man voraussieht, wo der Vatikan in eine Falle tappt.
Der Vatikan ist kein Machtzentrum
Vielleicht besteht eine Chance, dass der Vatikan den Umgang mit den Medien besser lernt, wenn sich die gesellschaftliche Lage weltweit noch mehr zuspitzt, was abzusehen ist. Die Zukunft wird mehr Konflikte, Zusammenstöße, Auseinandersetzungen um Rohstoffe, Nahrungsmittel, Verbrauchsgüter, um alle „Schätze der Erde“ bringen. Möglicherweise wird dann die Stimme der Kirche wieder mehr zählen, die auf Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung hinzielt. Vielleicht werden auch die Europäer eines Tages wieder nach Religion, nach einer christlichen Autorität fragen, wenn sich zeigt, dass viele heutige Idole versagen. Auch die Spaßgesellschaft hat kein ewiges Leben. Religion hat heute schon eine Chance, verfasste Kirche noch nicht. Aber vielleicht wird man einmal Asyl bei der Kirche suchen, wenn alle auf einander losgehen.
Heute aber ist es völlig falsch, den Vatikan als ein Machtzentrum anzusehen. Er kämpft ein bisschen gegen die Windmühlenflügel der öffentlichen Meinung und muss es sich gefallen lassen, dass man über ihn lacht wie über Don Quichote.
P. Eberhard v. Gemmingen SJ (Oktober 2009)