Etwas weniger martialisch hatte es auch Joachim Berger, der Mann mit der bunten Mütze und dem kleinen Mädchen, ausgedrückt: „Ich habe absolute Hochachtung, dass Hochwürden diesen Schritt getan hat. Er hat damit seine persönlichen Ambitionen zurückgestellt und uns große Probleme erspart.“
Da die Bestätigung des Wagnerischen Amtsverzichts durch den Papst noch aussteht, hoffen einige immer noch auf das Wunder aus Rom
Berger mag damit einigen Windischgarstenern aus der Seele sprechen – recht hat er damit vermutlich nicht. Denn die Kirchen-Krise in Österreich ist noch lange nicht überwunden. Nicht nur hier in Windischgarsten hat der Fall Wagner tiefe Gräben gerissen. Die Österreicher fühlen sich vom Vatikan verschaukelt, viele Linzer von ihrem eigenen Bischof getäuscht. Ludwig Schwarz hatte stets auf die Entscheidung aus Rom verwiesen und seine Hände in Unschuld gewaschen. Nach dem Amtsverzicht Wagners erklärte er seine „Erleichterung“. Doch dazu besteht kein Anlass. Zum einen wird jeder neue Kandidat für das Amt des Weihbischofs unweigerlich in diese Auseinandersetzung hineingezogen. Zum anderen ist für manche Windischgarstener diese Schlacht noch gar nicht geschlagen. Da die Bestätigung des Wagnerischen Amtsverzichts durch den Papst noch aussteht, hoffen einige immer noch auf das Wunder aus Rom. Und selbst wenn es ausbleiben sollte, einfach aufgeben will man hier im Dorf nicht.
Deutlich wird das im Pfarrheim. An der Wohnung von Pfarrer Wagner rührt sich nichts. Ich drücke die drei anderen Klingeln. Kanzlei, Aushilfe, Küche – keine Regung. Einfach nichts. Doch drinnen telefoniert die Pfarrsekretärin. Und was sie sagt, klingt so gar nicht nach einem schnellen Ende des Konflikts. „Wir prüfen, ob man nicht auf irgendeine Weise gegen die Dechanten vorgehen kann. Deren Verhalten darf man nicht durchgehen lassen.“ Pause, Zuhören und dann noch einmal: „Wie die mit unserem Pfarrer umgegangen sind – das dürfen wir nicht hinnehmen.“ Noch einmal Stille. „Wir werden sehen. Sie sind jedenfalls immer herzlich bei uns willkommen.“
Das Wirrnis um Wagner hat die Kirche in den Augen der Menschen wieder ein Stück profanisiert
Gegen elf Uhr am Mittag verlasse ich Windischgarten. Im Gedächtnis bleibt eine verwirrende Mischung aus Schock und Enttäuschung, Wut und Fatalismus sowie die vage Erkenntnis, dass das Ende Wagners Laufbahn als Weihbischof noch nicht das Ende der Kirchen-Krise in Österreich sein muss. Die Gräben, die gerissen wurden, sind tief. Menschen wie Bürgermeister Feßl oder das Mesnerehepaar können nicht verstehen, dass andere die Arbeit Wagners nicht schätzen. Sie sehen eine Gefahr der Verwässerung des Glaubens, und den Widerstand gegen ihren Pfarrer als Kursänderung. Leute wie Johann Rumpelmayer sind getroffen, wissen aber auch, dass der Amtsverzicht Wagners eine völlige Eskalation vorerst vermieden hat. Doch auch sie können nicht nachvollziehen, dass es solch eine offene Konfrontation in der Kirche geben kann. Das Wirrnis um Wagner, das merkt man deutlich in Windischgarsten, hat die Kirche in den Augen der Menschen wieder ein Stück profanisiert.
Und Wagner? Seine Zukunft ist noch so ungeklärt, wie sein momentaner Verbleib. Auf Handyanrufe reagiert er nicht, keiner kann oder will mehr über seine Pläne erzählen. Ich fahre los. Kurz hinter Windischgarsten spielt das Autoradio „Der Weg“ von Xavier Naidoo.
„Manche treten dich,
Manche lieben dich,
Manche geben sich für dich auf.“
Vielleicht hört Dr. Gerhard Maria Wagner in diesem Moment zu. Vielleicht fühlt er sich dann an seine eigene Situation erinnert. Und sicher wird er dann wissen, was Xavier Naidoo mit den folgenden Zeilen meint:
„Dieser Weg wird kein leichter sein,
Dieser Weg wird steinig und schwer.“
Dieser Weg hat am Montag begonnen. Am ersten Tag danach.
Teil 1: Von Petrus, einem Blitz und dem verschwundenen Pfarrer
Teil 2: Pfarrer Wagner - entweder man war für oder gegen ihn
Simon Biallowons