Die K-Frage
Es klingt zynisch: Da sterben die Menschen an Aids wie die Fliegen, und dann untersagt der Papst den Gebrauch von Kondomen. Auf den ersten Blick klingt das wie mitleidlose Moral statt Menschlichkeit. Das hat schon zu Zeiten Johannes Pauls viele Europäer empört. Was die katholische Kirche tatsächlich auf dem Gebiet der Sexualmoral zu bieten hat, interessiert da weniger.
Nun ist Papst Benedikt XVI. nach Afrika aufgebrochen, und natürlich wurde er zu dem Skandalthema gefragt. Seine Antwort: Er ist gegen Kondome.
Wer mit Missionsärzten spricht, die seit Jahrzehnten im südlichen Afrika ihr Leben dem Kampf gegen Aids widmen, erhält eine differenzierte Antwort. Es geht nämlich nicht um kirchliche Moralvorstellungen ohne Rücksicht auf die Opfer. Es geht um A-B-C-D, wie das auf einen ultrakurzen Nenner gebracht wird.
Wer A, B und C ignoriert, dem bleibt in Afrika meist nur der frühe Tod
A wie Abstinenz oder Enthaltsamkeit, B wie be faithful oder Treue, C wie Condom oder D wie Death, sprich der Tod – das sind die vier Abstufungen, unter denen die Menschen wählen können. Das ist drastisch, aber realistisch. Und es ist viel mehr als der gute Tipp, doch einfach Kondome zu benutzen.
Enthaltsamkeit hat jetzt auch Benedikt wieder in den Vordergrund gestellt. Eine strenge Forderung, die allerdings immerhin angesichts tödlicher Folgen von Promiskuität erhoben wird. Treue zu einem Partner, bewusstes Verhalten in Zeiten von Aids verhindert ebenfalls die Ausbreitung der tödlichen Krankheit. Wer seinen Lebensstil gar nicht ändern will, der ist, drittens, mit Kondomen besser dran als mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern. Das weiß auch der Papst. Wer A, B und C ignoriert, dem bleibt in Afrika meist nur der frühe Tod.
Kondome sind nicht die Lösung. Sie sind Notbehelf
Sterben die Menschen in Afrika wirklich, weil der Papst „die Kondome verbietet“? Es ist unwahrscheinlich, dass Leute, die sich um die kirchlichen Gebote von Ehe, Liebe, Treue nicht scheren, ausgerechnet bei der Verwendung technischer Hilfsmittel lieber den Tod riskieren, als eine päpstliche Mahnung zu übertreten. Da sieht der Papst schon realistischer: Kondome sind nicht die Lösung. Sie sind Notbehelf. Wenn sie ein Verhalten fördern, das zur Ausbreitung von Aids erst geführt hat, dann kann die Reklame dafür das Aids-Problem sogar verschlimmern.
Es mangelt in Afrika – wie auch in anderen Weltgegenden – nicht an Kondomen, sondern an Ethik, an Zuneigung, an Wertschätzung. Das ist die Botschaft des Papstes. Darum sieht er die Lösung in „spirituellem und menschlichem Erwachen“, in „Freundschaft für die Leidenden“. Solche Forderungen sind vielen natürlich lästig. Sie müssten dann ja mehr abgeben als billige Rezepte. Bezahlbare Medikamente gegen Aids zum Beispiel. Da ist es doch praktischer, den Papst als Zyniker hinzustellen. Ein Zyniker ist er nicht. Er ist zuständig für A und B. C und D kann er anderen überlassen.
Joachim Rogosch