Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Die Kirche braucht Kritik

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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Die Kirche braucht Kritik


Die Kirche braucht Kritik

Falsch verstandene Demut kann die Kirche nicht wollen. Ein Plädoyer für den offenen Dialog in der Kirche und den Mut zur Kritik

Michael Schmidt-Salomon ist Autor, Vorsitzender der Giordano-Bruno-Stiftung und hat eine große Leidenschaft: Er kämpft gegen die Kirche. Mal mit zweifelhaften Veröffentlichungen wie dem Skandal-Buch „Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel“, mal bei Diskussionen wie am Dienstag in Osnabrück. Dort sprach er mit Axel Ayyub Köhler, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland, und Pater Hans Langendörfer, dem Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz.

In dieser Diskussion sagte Schmidt-Salomon unter anderem: Die Kirche sei alt, überkommen und müsse endlich ihre Privilegien verlieren. Das ist nicht neu, nicht originell und noch weniger brillant. Genauso oft hat der Autor bezweifelt, dass die Kirche zum offenen Dialog fähig ist. Wir sollten deshalb Schmidt-Salomons Äußerungen zum Anlass nehmen, um genau hinzusehen: Sind wir in der katholischen Kirche überhaupt fähig zum offenen Dialog? Sowohl innerhalb der Kirche, als auch im Gespräch mit Menschen außerhalb der Kirche.

Ein offener Dialog zeichnet sich durch viele Eigenschaften aus. Er soll fair verlaufen und objektiv sein. Die Gesprächspartner müssen Interesse zumindest an der Position des anderen haben. Und sie sollen offen dafür sein, auch eigene Positionen in Frage stellen und kritisieren zu lassen.

Was heißt das für uns in der Kirche? Zunächst einmal grundsätzlich: Jeder Mensch darf und kann die Kirche kritisieren: den Gemeindereferenten, den Pfarrer, den Bischof. Und selbstverständlich auch den Papst. Das gehört zu einem offenen Dialog. Alles andere würde die Kirche im Inneren zerstören. Dürfte man die Kirche nicht kritisieren, würde man sie unbeweglich, unfruchtbar und unmenschlich machen. Eine Kirche ohne die Möglichkeit zur Kontroverse wäre tot. Papst Pius XII. hat das schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts so gesehen: 1950 erklärte er, dass der Kirche etwas in ihrem „Leben fehlen würde, wenn in ihr die öffentliche Meinung mangelte“. Und er fügte hinzu: „Ein Fehlen, für das die Schuld auf die Hirten sowohl wie die Gläubigen zurückfiele.“ Natürlich sind dabei bestimmte Positionen ausgenommen, Kernelemente des christlichen Glaubens etwa. Doch andere Auffassungen dürfen und müssen einer differenzierten, und manchmal eben auch widersprechenden Bewertung ausgesetzt werden können.

An dieser Haltung hat sich bis heute nichts Entscheidendes geändert. Gerade Benedikt XVI. will für einen offenen Dialog mit dem Mut zur Kritik stehen. Der Papst-Professor mahnt schließlich stets ein rechtes Verhältnis von Glaube und Vernunft an. Er würde deshalb vermutlich erschrecken, nähme man ihn grundsätzlich und prinzipiell von jeglicher Kritik aus. Kein ernstzunehmender Gesprächspartner kann das wollen. Benedikt selber hat sich dagegen durchaus entschieden verwahrt und stattdessen über seine „Liebe zur Suche nach der Wahrheit, zur Konfrontation, zum offenen Dialog im Respekt der verschiedenen Positionen“ gesprochen. Das zeigt uns ganz klar: Dieser Papst ist bereit dazu, seine Position, sein Auftreten objektiv bewerten zu lassen.

Damit ist klar: Eine falsch verstandene Demut bringt die Kirche nicht weiter. Die öffentliche, die kontroverse Meinung in der Kirche darf nicht fehlen. Nur so werden wir überhaupt erst dialogfähig. Karl Rahner hat dazu geschrieben: „Die öffentliche Meinung in der Kirche soll offenbar machen, wie es den Menschen in der Kirche tatsächlich zumute ist. Es ist wichtig zu wissen, wie man tatsächlich empfindet.“
Wir sollen und dürfen unsere Zustimmung und unser Lob, aber eben auch unseren Ärger und unsere Enttäuschung über die Kirche und ihre Personen äußern. Mehr noch: Wir müssen den Mut dazu aufbringen. Denn genau das ist lebendige Kirche. Menschen, die jegliche Kritik vermeiden wollen, begraben den offenen Dialog. Und damit dann auch die Kirche. Sie würden also genau das tun, was Schmidt-Salomon seit langem fordert.

Simon Biallowons


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