Neue Überraschungen aus Rom?
Der Versöhnungsweg des Papstes mit der Piusbruderschaft ist noch nicht am Ende. Ein Kommentar von Ludwig Ring-Eifel
Die kirchenrechtlich unerlaubten Weihen von Priestern der Piusbruderschaft haben an der Haltung des Papstes zu den Traditionalisten nichts geändert. Nach wie vor gilt, was Benedikt XVI. am 10. März in seinem Brief an alle Bischöfe der Welt geschrieben hat: "Kann es ganz falsch sein, sich um die Lösung von Verkrampfungen und Verengungen zu bemühen und dem Raum zu geben, was sich an Positivem findet und sich ins Ganze einfügen lässt? (...) Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen. Aber ich denke, dass sie sich nicht für das Priestertum entschieden hätten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu Christus da gewesen wäre und der Wille, ihn und mit ihm den lebendigen Gott zu verkünden. Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten?"
Diese Worte wurden damals in der Öffentlichkeit wenig beachtet, weil die "Sensation" des Briefes scheinbar darin bestand, dass der Papst Pannen im Vatikan bei der Williamson-Affäre zugab. Aber das war nicht der Kern des Briefes. Im Zentrum stand die Aussage, dass er daran festhält, die Aussöhnung mit den Priestern der Piusbruderschaft zu suchen. Alle Kommentatoren, die eine erneute Exkommunikation der Pius-Bischöfe im Falle weiterer Priesterweihen herbei schreiben wollten, hatten den Brief des Papstes nicht gelesen - oder sie hatten ihn nicht ernst genommen.
Jetzt folgen Klärungen auf der Ebene der kirchlichen Lehre. Sie sind spannend
So war es schon einmal: Am 29. August 2005, nur vier Monate nach seiner Wahl, empfing Benedikt XVI. den Oberen der Piusbrüder, Bischof Bernard Fellay, zu einem langen Gespräch und veröffentlichte anschließend ein Kommuniqué. Darin hieß es: "Das Treffen fand statt in einem Klima der Liebe für die Kirche und des Wunsches, zu einer vollkommenen Gemeinschaft zu gelangen. Wiewohl man sich der Schwierigkeiten bewusst war, wurde doch der Wunsch zum Ausdruck gebracht, schrittweise und in vernünftigen Zeitabschnitten voranzuschreiten." Auch damals wurden die Worte des Papstes von den meisten übersehen, doch den damals angekündigten Fahrplan hat er mit Geduld und Hartnäckigkeit eingehalten.
Der nächste Schritt sind die vom Papst in seinem Brief angekündigten Klärungen auf der Ebene der kirchlichen Lehre - unter dem Dach der Römischen Glaubenskongregation. Sie sind wirklich spannend. Denn jetzt geht es darum, in wieweit die Traditionalisten, die bereits bei der alten Liturgie gesamtkirchlich eine gewisse Korrektur durchgesetzt haben, nun auch auf dogmatischem Gebiet Recht bekommen. Werden sie dazu beitragen, dass einige Auslegungen des Zweiten Vatikanischen Konzils - etwa beim Thema Religionspluralismus - korrigiert werden? Oder wird sich herausstellen, dass sie selbst mit ihrer versteinerten Auslegung der kirchlichen Tradition auf dem Holzweg sind? Das Ergebnis dieser Klärung ist offen, weitere Überraschungen sind keineswegs ausgeschlossen.
Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Zuvor war er Vatikan-Korrespondent der KNA
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