Die Peking-Ente
An diesem Freitag werden in Peking die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Die ganze Welt wird das dreistündige Spektakel verfolgen und sich von der "Magie der Spiele", wie IOC-Präsident Jacques Rogge hofft, verzaubern lassen. Gemeint ist wohl: einlullen lassen!
Sein Wunsch wird vermutlich sogar in Erfüllung gehen. Bilder von anmutigen, lächelnden Hostessen, handverlesenen jubelnden Chinesen, weltgewandten Funktionären und Berichte über Siege und Niederlagen werden die traurige Wahrheit verdrängen: Das olympische Peking ist ein gigantisches Potemkinsches Dorf, hinter dessen Fassade die Menschenrechte tagtäglich mit Füßen getreten werden.
Man wollte uns ja weismachen, dass Olympia auch dem Schutz der Menschenrechte diene. Weil dem aber nicht so ist, wird jetzt beschwichtigt und kleingeredet. Für die Sportbosse ist die Menschenrechtsfrage nur noch ein politisches Thema, das nicht in die sportliche Arena gehört, und Politiker wie Altkanzler Gerhard Schröder träumen vom "Wandel durch Handel". Heißt: Man müsse China beim Thema Menschenrechte doch bitteschön auch ein bisschen Zeit lassen!
Dieses unerträgliche Lavieren soll Menschenrechtsorganisationen, Kirchen und allen anderen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Denn natürlich wissen die Schönredner genau, worum es geht. Nämlich nicht um Dinge, die Zeit brauchen, wie der Aufbau eines Gesundheits- oder Bildungswesens, sondern um elementare Rechte.
Menschenrechte müssen nicht großzügig gewährt werden, sie werden bei der Geburt erworben!
"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren", lautet der erste Satz in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Menschenrechte müssen nicht großzügig gewährt oder eingeführt werden. Sie werden bei der Geburt erworben! Und Staat und Gesellschaft haben sich danach zu richten. Nicht umgekehrt! Auch sind die Menschenrechte unteilbar. Hier ein bisschen weniger Glaubensfreiheit, dafür dort ein bisschen mehr Redefreiheit, das funktioniert nicht. Wer solche Salamitaktik akzeptiert und sich mit Halbheiten zufriedengibt, stellt auch die Grundlagen unserer eigenen Gesellschaft infrage.
Wenn wir in den nächsten zwei Wochen den Blick auf China richten, müssen wir schon genau hinschauen! Die Forderung nach dem Schutz der Menschenrechte darf weder olympischen Rekorden noch wirtschaftlichen und politischen Interessen geopfert werden. Denn ob Christen, Tibeter oder Uiguren – die Menschen in China brauchen mehr als Brot und Spiele!
Rosina Wälischmiller