Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Die Präsidenten-Prediger

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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glaubenslust – Der Tag


Die Präsidenten-Prediger

Barack Obama versucht auch bei seiner Amtseinführung den Spagat. So wie er schon mit seiner Kabinettsbildung unter Beweis gestellt hat, dass er die verschiedensten Richtungen und deren Vertreter gemeinsam an einem Tisch haben will, Kenntnis und Kompetenz bündeln will, so hat er nun im Zuge der Feierlichkeiten zu seiner Vereidigung am Dienstag Vertreter verschiedener christlicher Kirchen und Angehörige verschiedener theologischer Denkschulen eingeladen.

Das Gebet vor der Vereidigung wird der evangelikale Pastor Rick Warren sprechen. Er gilt als absoluter Gegner der Abtreibung und Feind der Ehe für Homosexuelle. Vor dem „We are One“-Konzert hingegen, das aus Anlass der Amtseinführung vor dem Lincoln Memorial in Washington gegeben werden wird, wird der offen schwul lebende Bischof Gene Robinson, der der Episkopalkirche angehört, den Segen sprechen. Beobachter werten das als ein Ausstrecken der Hände Obamas in beide Richtungen der christlichen Wählerschaft, die in den Vereinigten Staaten eine große Bedeutung haben.

Was am Kabinettstisch Gang und Gäbe ist, funktioniert auf der Kanzel nicht

Ist der Kabinettstisch dasselbe wie die Kanzel? Hillary Clinton und Barack Obama haben sich im Wahlkampf auseinandergesetzt, aneinander gerieben, bisweilen wurden Verunglimpfungen ausgestoßen. Das gehört zum Wahlkampfgetöse und ist nach der entscheidenden Nominierung Obamas und spätestens nach seiner Wahl Geschichte. Denn niemals im Wahlkampf hat die eine oder die andere Seite der anderen absolute Kompetenzfreiheit unterstellt. Lediglich für das Oval Office war der andere nicht gemacht. Dass man bisweilen Rivale war und ein Stückweit Rivale bleiben wird, belebt nur das Geschäft, das man Politik nennt.

Was am Kabinettstisch Gang und Gäbe ist, funktioniert auf der Kanzel nicht: Sicher verpflichtet die Berufung auf den christlichen Glauben die Diskursteilnehmer – seien sie liberal oder orthodox – dazu, milde miteinander umzugehen und einander anzunehmen. Aber: Im Diskurs wird nicht über eine politische Agenda gestritten, deren Punkte verhandelbar sind, sondern um die jeweilige Auffassung, was Gottes Wille ist. Die Streitparteien sehen sich als verlängerte Arme des göttlichen Plans für die Welt: Die Positionen zu Abtreibung oder Homo-Ehe lassen deshalb für die Betreffenden keinen Spielraum zu.

Der amerikanische Präsident führt die Nation unter Gott

Aus europäischer Sicht wäre es ein salomonisches Urteil Barack Obamas gewesen, weder einen konservativen, noch einen liberalen Pastor zu einem Gebet einzuladen, sondern einen, der in der Mitte steht. Ein religiöser Führer, der die Gläubigen sammelt, nicht ein politischer, der die Sammlung zu seiner eigenen Sache macht. Diese Sicht greift aus amerikanischer Perspektive zu kurz: Der amerikanische Präsident führt die Nation unter Gott – One nation under God – und kann sich deshalb diese vermittelnde Rolle nach seinem Selbstverständnis zu eigen machen. Wo man am Kabinettstisch Einigkeit erzielen kann und muss, wird es bei der religiösen Positionierung höchstens zu einer Anerkennung der Vielfalt kommen. Hier endet selbst die Kompetenzfähigkeit des mächtigsten Mannes der Welt. Die jeweiligen Positionen bleiben unverhandelbar. Zumindest zusammen beten scheint man in den USA noch zu können.

Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero




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