Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Die Qual nach der Wahl

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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glaubenslust – Der Tag


Die Qual nach der Wahl

Der 26. April ist für die Kirche ein trauriger Tag. Der Tag, an dem Berlin die Initiative „Pro Reli“ abgelehnt, sich damit gegen Religion als ordentliches Schulfach und für seinen Ruf als Hauptstadt des Atheismus entschieden hat. Die Kirche muss einsehen: Selbst wenn sie all ihre Kräfte mobilisiert, reichen diese nicht aus, um in Berlin ein wichtiges Anliegen durchzubringen. Keine unerwartete, aber dennoch eine bittere Erkenntnis.

Bitter vor allem deshalb, weil es nach dieser Niederlage keine Ausreden gibt. Nur 29,2 Prozent alle Wahlberechtigten stimmten ab. Und diese 29,2 Prozent waren auch noch mehrheitlich gegen Pro Reli – viel deutlicher hätte Berlin die Kirche nicht abstrafen können. Und damit auch die vielen Juden und Muslime, die ebenfalls für die Kampagne waren.
Berlin war nicht zu faul, sich für Religion auszusprechen. Berlin wollte Religion nicht. Ganz einfach.
 
Alle Anstrengungen, alle PR-Maßnahmen, selbst die Unterstützung von Lokalhelden wie Günther Jauch nutzten nichts. Selten hat die Kirche so politisch taktiert, so forsch agiert – nur um am Ende erkennen zu müssen, dass die Mühe letztlich vergebens war. Denn sicherlich kann die Kampagne für sich verbuchen, dass in Berlin überhaupt über Religion geredet wurde. Doch das taugt allenfalls dazu, um das Gewissen kurz zu beruhigen. Ganz nach dem Motto: Wenigstens haben wir alles gegeben und den Reli-Gegnern im Roten Rathaus mächtig eingeheizt. In der Sache aber reicht das nicht.
Am Ende stehen das Scheitern und die Anfragen an die Kirche: Wie will sie damit umgehen, welche Konsequenzen zieht sie aus diesem 26. April?

Zunächst: Im Kampagnen-Kampf wurde wieder einmal deutlich, dass die Linke weiterhin ein Gegner des religiösen Bekenntnisses ist. Das müssen Katholiken erkennen und bei ihrer politischen Entscheidung berücksichtigen. Hier trifft sich die politische Verantwortung mit der Verantwortung für den eigenen Glauben.

Damit ist es aber nicht getan. Die Kirche hat in über zweitausend Jahren eine Rolle entwickelt, aus der sie sich nicht verdrängen lassen darf. Dabei geht es nicht um die institutionelle Komponente, sondern um die Tatsache, dass eine Gesellschaft ohne religiöses Bewusstsein dem Menschen nicht gerecht wird. Dieses Bewusstsein muss die Kirche versuchen zu prägen. Nicht im Sinne einer Zwangsbeseligung, sondern eines verlockenden Angebotes. Und genau an diesem Punkt hat das Scheitern der Pro Reli-Kampagne die Schwäche der Kirche schonungslos aufgedeckt. Es gelingt ihr heute nicht, ihre Inhalte so zu präsentieren, dass eine Mehrheit der Menschen sich für sie und nicht eine areligiöse Werteansammlung entscheidet. Die Tatsache, dass in den östlichen Stimmbezirken Berlins mehr als 70 Prozent gegen den Volksentscheid votierten, verheißt diesbezüglich nichts Gutes.

Die Kirche muss wieder missionarisch werden

Seit Sonntag ist klar: Den gesetzlich festgeschriebenen Bekenntnisunterricht als Gegenmaßnahme wird es nicht geben. In diese Illusion kann sich nun niemand mehr flüchten. Das bedeutet, dass die Kirche mehr denn je gefordert ist, außerhalb eines verpflichtenden Rahmens ihr Profil zu zeigen. Die Entscheidung ist ganz einfach: Entweder die Kirche findet sich ab damit, dass sie ihren moralischen und pädagogischen Einfluss verloren hat. Oder sie versucht viel stärker als bisher ihre Botschaft in allen Lebensbereichen zu präsentieren – und zwar nicht nur dann, wenn gerade ein prestigeträchtiger Volksentscheid ansteht. Wenn sich die Kirche für diese Offensive entscheidet, muss sie wieder das werden, was man eine missionarische Kirche nennt. Das ist immer noch möglich.
Entscheidet sich die Kirche aber für die erste Variante, wird der 26. April ein trauriger Tag bleiben. Und es werden viele traurige folgen.

Simon Biallowons


Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt