Erfüllter Traum
Mit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten haben die Menschen in den USA acht Jahre Rückstand aufgeholt. Als im Verlauf des Wahlkampfs eine Frau und ein Afro-Amerikaner im demokratischen Lager einem Kriegsveteranen und weißen Senator im republikanischen Lager gegenüberstanden, war es noch keine ausgemachte Sache, dass der Underdog aus Chicago das Rennen machen würde.
Amerika hat sich mit der Wahl Obamas über sich selbst erhoben. Das Land hat sich mit der Biographie des Senators aus Illinois auseinandergesetzt: halb Kenianer, halb Amerikaner, in Harvard studiert, als Anwalt in den Ghettos. Drogen waren im Spiel. Ein radikaler Pastor. Das alles ist keine leichte Kost für den, der es gerne so hätte wie es immer schon war. Und: Obama ist ein Schwarzer.
Obama hat das Potenzial, das zerstörte Bild Amerikas in der islamischen Welt zu erneuern
Wenige Jahrzehnte liegt es zurück, als die Rassenfrage das Land spaltete und Martin Luther King ermordet wurde. Seine "I have a dream"-Rede sehen die Bürgerrechtler mit Barack Obama in Erfüllung gehen. Nicht umsonst haben Kirchengemeinden zu Gebetsfeiern am Wahltag eingeladen und sich für Obama engagiert.
Die Frage der religiösen Zugehörigkeit hat gerade bei Obama, dessen mittlerer Name Hussein lautet, eine große Rolle gespielt. Vor allem seine Widersacher wollten ihn als verkappten Terroristen denunzieren. Die Wahl Obamas hat jetzt das Potenzial, das zerstörte Bild Amerikas in der islamischen Welt zu erneuern: In Amerika kann ein Mann Präsident werden, zu dessen Familie Muslime gehören.
Politische Veränderung bewirken die, die sich engagieren
Dass diese Wahl anders ist als die zurückliegenden, zeigen die Bilder von den Wahlpartys. Aber auch die Wahlbeteiligung, die höchste seit hundert Jahren, spricht Bände. Barack Obama hat eine Bewegung losgetreten, deren Auswirkungen weltweit zu spüren sind. An der Siegessäule in Berlin hat seine auf Wandel fixierte Botschaft auch an uns politikverdrossenen Deutschen ihre Wirkung erwiesen. Von Obamania war die Rede.
Auf den einzelnen kommt es an, jede Stimme zählt. Politische Veränderung bewirken die, die sich engagieren. Das ist die einfache Botschaft Obamas an die Masse. Was wie eine Binsenweisheit daherkam, musste wieder einmal gesagt werden: Demokratie erhält sich nicht selbst, sondern wird von denen getragen, die in einem demokratischen System leben. Die Bush-Doktrin der vergangenen Jahre ging hingegen davon aus, dass Demokratie fremdbestimmt anderen Völkern, zu ihrem eigenen Heil, angedient bis aufgedrängt werden kann.
Die Menschen in den USA haben sich in diesem Wahlkampf auf ihre fundamentalen Werte und ihren Gründungsmythos besonnen. Das Land erfindet sich nach Jahren der Stagnation neu. Ein Ende der Begeisterungswelle für eine neue Politik und den neuen Mr. President ist noch nicht in Sicht. Wir werden erleben, wie Barack Obama die USA und die Welt verändern wird.
Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero