Für mehr Freiheit
Arme FDP. Da hat sie ein klein wenig liberaler sein wollen. Deshalb soll an der Feiertagsruhe herumgeschraubt werden. Karfreitag ab 0.00 Uhr Stille im Land? Nein. Bis 5.00 Uhr darf getanzt werden, fordert sie.
Ach, wenn es doch nur um Liberalität ginge. Aber wenn die FDP "liberal" sagt, dann kommt am Ende meist nur "kommerziell" heraus. Die Umsatzeinbußen der Discos sind es, die den "Liberalen" am Herzen liegen, wie es in der FDP-Initiative zur Änderung des Bayerischen Feiertagsgesetzes heißt. Zwei Tage im Jahr hintereinander kein Gewinn – ein Skandal.
Was trägt zur Freiheit des Menschen bei? Aus der jüngsten Wirtschaftskrise hätten eigentlich auch die Freidemokraten lernen können, dass es Wesentlicheres gibt als Geld. Warum funktionieren die Banken derzeit nicht? Weil kein Geld da ist? Nein. "Vertrauen" fehlt, haben wir Nicht-Banker zu unserem Erstaunen gelernt. Warum haben gewisse Manager unser Wirtschaftssystem fast an die Wand gefahren? Mangels Geld? Nein. Mangels Anstand, mangels Nachhaltigkeit, mangels Weitblick, mangels international gültiger Regeln, wie es heute bei jedem G7-, -11- oder -20-Gipfel heißt.
Die FDP will offenbar Geschäfte machen bis kurz vor der Kreuzigung
In diese Phase der Erkenntnis eigentlich alter Hüte, in der es selbst hartgesottenen Kapitalisten wie Schuppen von den Augen fällt, dass man Geld nicht essen kann, platzt nun Bayerns FDP mit ihrer Botschaft zum Osterfest: Stille bringt keinen Umsatz, also Stille weg, Regeln aufweichen, Geschäfte machen bis kurz vor der Kreuzigung.
Nun weiß man ja, dass die Liberalen es nicht so mit den Kirchen haben. Doch da liegt (übrigens auch bei manchen Kirchenfunktionären) das eigentliche Missverständnis: Die Feiertagsruhe ist gar nicht für die Kirchen, ja nicht einmal für die Christen da. Christ sein kann man auch im Lärm, in Not, ja im Gefängnis. Jesus hat sein Kreuz mitten durch den Bazar von Jerusalem getragen.
Die stille Zeit ist für die Gesellschaft da. Sie schafft Momente, in denen die Menschen frei sind nicht durch Geld, Lärm oder Rausch, sondern frei von Geld, Lärm oder Rausch.
Die Frage ist, was "Freiraum" eigentlich bedeutet
Stille entspricht nicht der gegenwärtigen "Lebenswirklichkeit", da haben die Liberalen schon recht. Es wäre eine schöne Aufgabe für die Freidemokraten, diese oft traurige Lebenswirklichkeit zu verändern. Hin zu mehr Freiheit, anstatt die letzten Freiräume dem üblichen Krach der restlichen 356 Tage auszuliefern. Sie darf dafür gerne einen besseren Weg vorschlagen als den durch althergebrachte Feiertagsgesetze.
Joachim Rogosch