Eine Frage der Erlösung
Es war erstaunlich, am Donnerstag früh auf Seite 4 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Appell des Vereins „Pro Sancta Ecclesia“ an die deutschen Bischöfe zu lesen. Die Vereinigung von konservativen Laien und Priestern forderte, endlich eine Weisung Roms zu erfüllen: Mit der Übersetzung der liturgischen Bücher nach der Liturgiereform des zweiten Vatikanischen Konzils hat sich in vielen Landesformen ein Übersetzungsfehler bei den Wandlungsworten ergeben. Im lateinischen Text wird wortgetreu aus dem Griechischen übersetzt: „Mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird“ – qud pro vobis et pro multis effundetur. Im Deutschen ist daraus geworden: „ ... das für euch und für alle vergossen wird“. Rom fordert seit einiger Zeit, dass dieser Passus verbessert wird. Einige Länder haben diesen Erlass erfüllt, Mexiko beispielsweise. Die Bischöfe in Deutschland aber, so die Autoren der Anzeige, weigerten sich beharrlich. Die Bischöfe, so sagt der Anzeigentext, hätten angekündigt, erst bei der Neuauflage des Messbuches handeln zu wollen. Da es dafür noch keinen Termin gäbe, komme dies einer Befehlsverweigerung gleich.
Sind durch den Tod Christi nun alle Menschen erlöst oder nur manche?
Was wie eine theologische Detailfrage klingt – „für alle“ oder „für viele“ – ist vielmehr eine Aussage, die die Erlösungslehre der Kirche im Mark betrifft. Sind durch den Tod Christi am Kreuz nun alle Menschen automatisch erlöst oder nur diejenigen, die die Erlösungstat Jesu mit der Tat des Glaubens bejahen? „Pro Sancta Ecclesia“ sieht sich auf Position zwei. Die Bischöfe, so behaupten sie, gingen von einer „Allerlösungstheologie“ aus, die alle Menschen mit einschließe.
In der Logik der christlichen Lehre von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung ergänzen sich beide Sichtweisen: Durch Adam sterben alle, durch Christus werden alle lebendig gemacht (vgl. 1 Kor 15, 22). Hier wird von einem durch die Geburt gegebenen Vorgang gesprochen. Verliert der Mensch als Gattungswesen durch den Sündenfall die Herrlichkeit Gottes (vgl. Röm. 3, 23), wie der Römerbrief sagt, dann wird er durch Christus dieser Herrlichkeit wieder gewahr. Im Eröffnungsgebet des Weihnachtshochamtes heißt es darum folgerichtig, dass die „Natur des Menschen“ durch die Geburt Christi „wunderbar wiederhergestellt sei“.
Katechese soll die Gläubigen auf die Änderung der Wandlungsworte vorbereiten
Die Erlösungstat Jesu legt überhaupt den Grund dafür, dass der Mensch sich glaubenden Herzens wieder an Gott wenden kann. Sie ist der Boden, auf dem Gottesbeziehung erst wieder möglich wird. Diese Sichtweise nimmt in letzter Konsequenz den Begriff der Gnade ernst, denn Gott kommt dem Menschen entgegen, unabhängig, wie er sich zu ihm stellt und verhält. „Nicht wir haben ihn geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt“ (vgl. 1 Joh 4), heißt es bei Johannes. Um diese Sichtweise durch die korrekte Übersetzung der Wandlungsworte nicht zu trüben, hat der Vatikan die Bischöfe in den betreffenden Ländern gebeten, die Gläubigen durch Katechese auf die Änderung des Textes vorzubereiten.
Auf der Möglichkeit der Erlösung erst kann die Bereitschaft des Einzelnen, sich erlösen zu lassen, aufbauen. Die Sichtweise, die „Pro Sancta Ecclesia“ in ihrer Anzeige vertritt, ist deshalb nicht falsch. Die Möglichkeit des Heils ist gegeben. Die Heilszusage Gottes steht im Raum – um dann von jedem Menschen angenommen zu werden oder auch nicht. Grundsätzlich möglich ist Erlösung für alle. Das ist die andere Seite der Medaille, die in der Anzeige zu kurz kommt.
Fürchtet die Bischofskonferenz einen Rückfall hinter das Konzil?
Nachdem die Frage geklärt ist, für wen und unter welchen Bedingungen die Erlösungstat Christi gilt, stellt sich die Frage, warum die Bischofskonferenz der Bitte Roms nicht nachkommt. Fürchtet man hier einen Rückfall hinter das Konzil? Fürchtet man, dass Katchese – der Begriff und die Sache waren jahrzehntelang in Deutschland nicht in Mode – nichts mehr für die entwöhnten Gläubigen ist? Hinhalten, abtauchen, auf die nächste Ausgabe des Messbuches zu warten, ist jedenfalls nicht der Weg, der hier Klarheit bringt. Immerhin wurden jahrelang tapfer die Liedstellen im Gotteslob überklebt, hinter denen genderbewusste KatholikInnen Schmähungen ihres Geschlechts vermuteten.
Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero