"Glaube und Vernunft sind von
sich aus gewaltlos"
Rom (dpa) - Der Vatikan und führende Theologen aus dem Iran haben sich in Rom auf eine gemeinsame Erklärung zum Thema «Glaube und Vernunft im Christentum und im Islam» geeinigt. Der wichtigste der insgesamt sieben vom Heiligen Stuhl veröffentlichten Grundsätzen besagt, dass Glaube und Vernunft «von sich aus gewaltlos» sind und niemals für Gewalttätigkeit benutzt werden sollten. «Bedauerlicherweise ist es immer wieder vorgekommen, dass beide missbraucht wurden, um Gewalt zu üben», heißt es in dem am Mittwoch auf der Webseite des Vatikans abgedruckten Dokument.
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hatte am Freitag über das Dokument berichtet. An dem vorausgegangenen Seminar, das vom vergangenen Montag bis Mittwoch dauerte, waren der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog und das Zentrum für den interreligiösen Dialog der «Islamic Culture and Relations Organization» mit Sitz in Teheran beteiligt. Nach der Generalaudienz empfing auch Papst Benedikt XVI. eine Delegation der iranischen Muslime unter der Führung ihres Chefs Mahdi Mostafavi.
Die Erklärung im Wortlaut
1. Glaube und Vernunft sind beides Geschenke Gottes an die Menschheit.
2. Glaube und Vernunft widersprechen einander nicht, allerdings kann es manchmal vorkommen, dass der Glaube über der Vernunft steht, auch wenn er ihr nie entgegensteht.
3. Glaube und Vernunft sind von sich aus gewaltlos. Weder die Vernunft noch der Glaube sollten für Gewalttätigkeit benutzt werden. Bedauerlicherweise ist es immer wieder vorgekommen, dass beide missbraucht wurden, um Gewalt zu üben. Auf alle Fälle können diese Ereignisse weder die Vernunft noch den Glauben in Zweifel ziehen.
4. Beide Seiten einigten sich, weiterhin zusammenzuarbeiten, um echte Religiosität und insbesondere echte Spiritualität zu fördern, um zur Achtung der Symbole zu ermutigen, die als heilig angesehen werden, und um moralische Werte zu fördern.
5. Christen und Muslime sollten über Toleranz hinausgehen und Unterschiede akzeptieren, während sie sich ihrer Gemeinsamkeiten bewusst bleiben und Gott dafür danken. Sie sind zu gegenseitigem Respekt aufgerufen und somit dazu, die Verhöhnung von religiösen Überzeugungen zu verurteilen.
6. Verallgemeinerungen sollten gemieden werden, wenn von Religionen die Rede ist. Konfessionelle Unterschiede in Christentum und Islam, Vielfalt der historischen Umstände stellen wichtige Faktoren dar, die in Betracht gezogen werden müssen.
7. Religiöse Traditionen können nicht anhand einzelner Verse oder Textstellen beurteilt werden, die in den jeweiligen heiligen Büchern enthalten sind. Sowohl eine ganzheitliche Sicht als auch eine angemessene hermeneutische Methode sind für ein faires Verständnis erforderlich.