Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Griechenland

Liborius Verlagsgruppe Bayerisches Sonntagsblatt Liborius Magazin Liboriusblatt
Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
Augenblicke|Das Magazin|Nachrichten|Wissen|Unser Glaube|Specials|Forum|E-Cards|Spiele

Etappen Ihres Lebens: Taufe | Kommunion | Firmung | Ehe | Trauer

Drucken | Versenden | Mail an die Redaktion

Thema des Tages

 

Wir sind Griechenland

Wirtschaftsjournalist Raimund Haser hält es für richtig, dass Deutschland 22,4 Milliarden Euro an Griechenland zahlt. Lesen Sie hier seinen Kommentar

Das, was Deutschland für Griechenland bezahlen muss, ist erstens mehr als wir haben, zweitens zu wenig, um nachhaltig etwas auszurichten, und drittens – es ist mehr als gerecht, den Griechen in diesem Umfang zu helfen. Mehr noch: Für Christen ist es sogar eine Pflicht, in Not geratenen Menschen zu helfen. Es ist das schlichte Gebot der Nächstenliebe. Letzteres hört man selten in diesen Tagen. Das liegt auch daran, dass sich Politiker liebend gern als Volksanwalt feiern lassen und Dinge aus dem Zusammenhang reißen, wenn es ihrer Sache nutzt. Horst Seehofer ist so einer. Er weiß, wie man beim Volk punktet. Deshalb hat er jüngst die EU-Kommission gerügt. Sie habe bei Griechenland versagt, habe die Bücher nicht geprüft, habe zu spät gehandelt. Recht hat er. Aber es ändert nichts an der Sache.

Die Frage, was mit Griechenland geschehen soll, ist letztlich auch eine des eigenen Weltbildes. Wie gehen wir mit Schwächeren oder in Not Geratenen um? Schließlich stehen die Verfassungen der europäischen Staaten und auch der Vertrag von Lissabon auf dem Fundament des christlichen Werteverständnisses – ob nun ausformuliert oder nicht. Wollen wir diesem Weltbild treu bleiben, dann muss es auch in der Frage der Finanzhilfe für Griechenland gelten.

Dennoch sieht die Realität anders aus: Es werden schmutzige Dinge ausgetauscht – an den Stammtischen wie in der Presse. Über die arbeitsscheuen Griechen, die sich vom Staat versorgen lassen und zu früh in Rente gehen. Als läge das durchschnittliche Pensionierungsalter in bei uns nicht weit unter 60 Jahren. Als hätten wir keinen Schuldenstand von 1705 Milliarden Euro. Und doch spricht aus der Diskussion in Deutschland die Arroganz derer, die haben, gegenüber jenen, die uns brauchen. Eine Haltung, die allem widerspricht, was Nächstenliebe als höchster christlicher Wert lehrt.

Ein Wirtschaftsnetz als Friedensgarant

Was geht das uns an, fragt Volkes Zorn. Ein Blick zurück hilft bei der Suche nach Antworten: Es ist kein Zufall, dass vor allem die ehemaligen Erzfeinde Frankreich und Deutschland die europäische Idee vorangetrieben haben, letztlich bis zum Vertrag von Maastricht und zum Euro. In den vergangenen hundert Jahren haben beide Staaten ganze Generationen in den Kriegen um die Hegemonie in Europa verloren. Adenauer, Schmidt und Kohl wussten ebenso wie de Gaulle und Mitterrand, dass es keinen vierten Deutsch-Französischen Krieg nach 1870, 1914 und 1939 mehr geben darf. Also führten sie beide Länder wirtschaftlich zusammen und knüpften mit allen, mit denen sie Kriege geführt hatten, ein europäisches Wirtschaftsnetz. Politische Freundschaft und wirtschaftliche Zusammenarbeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Die Idee ist ebenso genial wie einfach: Wer miteinander Geschäfte macht, bringt sich nicht gegenseitig um. Die Wirtschaft denkt nicht in Kategorien wie Krieg und Frieden, denn Unternehmen verdienen in beiden Fällen Geld. Die Marktwirtschaft denkt ausschließlich in Märkten. Gerade deshalb ist sie der Politik in der europäischen Idee gern gefolgt. Deutschland wurde im Zuge der europäischen Einigung Exportweltmeister. Weil niemand sonst so sehr von freiem Warenverkehr und einer einheitlichen Währung profitiert. Das stärkste, reichste und produktivste Land in der EU kann seine Waren ohne Währungsrisiko innerhalb eines Hunderte Millionen Menschen großen Wirtschaftsraums transportieren. Für die Konkurrenz aus schwächeren Ländern ist das trotz geheuchelter Chancengleichheit eine Katastrophe. Die griechischen Unternehmen werden unseren Firmen in Sachen Produktivität nicht das Wasser reichen können. Also war die Katastrophe vorprogrammiert, der einzige Weg für Athen war der in die Überschuldung. Die Rating-Agenturen haben am Ende nur ausgesprochen, was jeder wusste.

Ein neuer, gefährlicher Egoismus entsteht

Noch in den 90er Jahren konnten Länder mit einer weniger produktiven Wirtschaftsstruktur wie Spanien, Italien oder Griechenland die wirtschaftlichen Nachteile ihrer Unternehmen durch die Abwertung ihrer eigenen Währung ausgleichen. Seit der Euro-Einführung geht das nicht mehr. Die Folge: Der Rückstand wird größer statt kleiner. Also was soll’s, weg damit, fordert der Volkszorn. Griechenland, Portugal, Italien – wer nicht nach unserem Takt tanzen kann, muss den Saal verlassen, hört man allerorten. Auch von denen, die das Gebot der Nächstenliebe sonst immer hochhalten. Wie schnell die Bekundungen zur europäischen Einigung doch dem neuen, gefährlichen Egoismus weichen. Nur gut, dass der Vertrag von Maastricht einen Austritt nicht vorsieht. Die Unterzeichner haben mit Absicht eine Gemeinschaft beschlossen, die in guten Zeiten zusammenarbeitet und in schlechten Zeiten nicht zerfallen kann. Das jüngst beschlossene Gebot, einander in der Not zu helfen, ist deshalb nur formal ein Bruch des Maastrichter Vertrages. Im Geiste ist es die Fortführung dessen, was die Gründerväter der Europäischen Union im Sinn hatten: Einen Staatenbund, der weit über eine Währungsunion hinausgeht. Und einer, der für die Schwachen genauso da ist wie für die Starken.

Gerade deshalb muss, wer im Falle der Griechenlandhilfe A gesagt hat, nun auch B sagen. Um die Gemeinschaft zu stärken und um den Bürgern die Chance zu geben, ihr Europa eines Tages so zu lieben wie ihr eigenes Vaterland, muss Europa erwachsen werden. Das bedeutet strengere Regeln und im Ernstfall auch den Abbau der nationalen Souveränität. Der einzige Weg, Katastrophen wie die jetzige künftig zu vermeiden, ist eine Veränderung des Regelwerks. Es muss möglich sein, dass den Euro-Staaten in die innersten der inneren Verhältnisse dreingeredet werden darf, wenn sie zuvor Milliardenhilfen in Anspruch genommen haben. Griechenland hat das Recht auf Selbstverwaltung vorübergehend eingebüßt. Über jeden Cent, der zum Beispiel in Athens Straßenbahnnetz fl ießt, muss die EU Bescheid wissen. Jede Ausgabe muss wie im Falle einer Firmen- Insolvenz auf den Tisch.

Aber die Krise hat auch etwas Gutes: Sie wird den Euro schwächen, was die Chancen im außereuropäischen Export erhöht und zum Beispiel chinesische Waren teurer macht. Sie wird für Regeln sorgen, die uns vor Katastrophen à la Athen bewahren. Sie wird uns zusammenschweißen, weil auch der Letzte kapiert hat, dass die Musik längst in Brüssel und nicht in Berlin oder Rom spielt. Und sie wird uns eine Warnung sein, dass, wer A sagt, auch B sagen muss. Von Anfang an. Aus praktischen Gründen – und aus einer christlichen Wertehaltung heraus, die sich am Gebot der Nächstenliebe orientiert. Herr Seehofer wird das nicht gerne hören. Denn um Volkes Zorn für seine Zwecke zu nutzen, reicht es oft schon, A zu sagen.

Raimund Haser (20.5.2010)




Übermittlung Ihrer Stimme...
5.0 (1 x bewertet)


Ihre Meinung zu diesem Thema (Sie müssen nicht angemeldet sein):

Ins Gästebuch eintragen
  (wird nicht angezeigt)
(* Pflichtfeld)

Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt