Auch auf sozialer Ebene geht ein tiefer Riss durch die Gemeinschaft der britischen Katholiken. Die Gründe dafür liegen vor allem in der Geschichte: Die Kirche Roms wurde in England 300 Jahre lang verfolgt, von der Reformation in den 1530er Jahren bis zum „Catholic Emancipation Act“ von 1829, als ein Gesetz den Katholiken in Großbritannien und Irland endlich volle Bürgerrechte einräumte.
Das Ergebnis Jahrhunderte langer Verfolgung
Zuvor mussten Katholiken eine Strafsteuer zahlen, waren von Regierungsämtern, dem Militär und Posten in der Justiz ausgeschlossen und landeten oft sogar im Gefängnis, wenn sie ihren Glauben praktizierten. Diejenigen, die es schafften, trotz dieser Schikanen ihrem Glauben treu zu bleiben, waren meist Adelige, die sich für Gottesdienst und Gebet in ihre Privatkapellen zurückziehen konnten.
Im 19. Jahrhundert jedoch landeten viele arme irische Bauern auf der Flucht vor der Hungersnot in England. Daraus ergab sich ein Zwei-Klassen-Katholizismus: eine Kirche für die reichen englischen Adeligen und eine für die armen, ungebildeten irischen Bauern. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand eine katholische Mittelschicht, und endlich zogen auch Katholiken ins Parlament ein. Einen katholischen Premierminister allerdings hatte Großbritannien noch nie – denn Tony Blair konvertierte zwar zum Katholizismus, allerdings erst als nach Ende seiner Amtszeit.
Traditionalisten fordern die britischen Bischöfe heraus
Die Spaltung, die Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch am meisten zu schaffen machen wird, ist allerdings die aktuelle zwischen liberalen und konservativen Katholiken. Die meisten britischen Bischöfe folgen der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils: Sie denken liberal und sind sehr tolerant gegenüber anderen Religionen. Vor allem setzen sie sich für ein besseres Verhältnis zu den Anglikanern ein.
Laut Umfragen sind die meisten Briten einverstanden mit der liberalen Linie ihrer Bischöfe. Die Minderheit der sehr konservativen Katholiken allerdings verschafft sich immer wieder lautstark Gehör und fordert die Bischöfe bei vielen Gelegenheiten heraus: dass immer weniger Briten sonntags den Gottesdienst besuchen und – wie in Deutschland – akuter Mangel an Priesternachwuchs herrscht, ist für die Traditionalisten ein Zeichen dafür, dass die britischen Bischöfe einen falschen Weg eingeschlagen haben.
Ein Kommentar von Peter Stanford, ehemaliger Herausgeber des „Catholic Herald“ in London und Kolumnist der internationalen katholischen Wochenzeitung „The Tablet“