Siham Elissawi ist Hausfrau und wohnt mit ihren vier Kindern in Neukölln
Meine Familie kommt ursprünglich aus Palästina. Ich selbst war noch niemals dort. Vor 48 Jahren wurde ich in der libanesischen Hauptstadt, in Beirut, geboren. Seit 25 Jahren lebe ich mit meiner Familie in Deutschland.
Die erste Zeit in Deutschland war schwer für uns. Erst nach zwei Jahren fand mein Mann Arbeit: zunächst als Dekorateur in Bayern. Damals wohnten wir mit unseren zwei kleinen Kindern in einem Zimmer. Ich verstand gar kein Wort Deutsch und musste dennoch entscheiden, was für meine Kinder gut oder schlecht ist. Ich konnte ihnen gar nicht bei ihren Hausaufgaben helfen. Ich sah nur zu, dass meine älteren Kinder die jüngeren immer unterstützten und mitzogen. Und bald halfen sie auch mir, zum Beispiel auf den Ämtern.
Heute wohne ich mit meinen vier Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Neukölln. Mein ältester Sohn arbeitet als Elektrotechniker auf dem Flughafen Schönefeld. Meine älteste Tochter ist Arzthelferin in einer Kinderarztpraxis. Große Probleme hat zurzeit meine jüngste Tochter: Sie holt zurzeit ihren Hauptschulabschluss nach. Mein jüngster Sohn besucht die zehnte Klasse einer Realschule. Er ist sehr gut in Mathe, Physik und Chemie. Im Fach Deusch aber hapert es noch. Erst neulich habe ich bei seinem Klassenlehrer angerufen. Der sagte, dass er Nachhilfe in Deutsch brauche. In seiner Klasse gibt es nur sechs deutsche Mitschüler.
Meine beiden Eltern sind schon lange tot. Vor unserer Ausreise aus Libanon kam mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben. Meine Mutter zog später zu uns nach Deutschland. Sie ist vor Jahren hier gestorben.
Der Rest meiner Familie ist über die ganze Welt verstreut. Einer meiner Brüder arbeitet in Dänemark, ein anderer in einem Restaurant auf Sylt. Ein weiterer ist ein ausgebildeter Schiffskapitän. Er hat in Griechenland gelernt, aber weder dort noch in Deutschland passende Arbeit gefunden. Nun macht er eine Ausbildung zum Pfleger.
Ich war mein ganzes Leben lang Hausfrau. In Libanon machte ich nach der zwölften Klasse mein Abitur und habe sofort geheiratet. Heute bereue ich, dass ich damals keinen Beruf gelernt habe. Vor zwei Jahren starb mein Ehemann an einer Leberkrankheit und ich stand ohne Ausbildung und ohne Sprache da.
Mein Mann und ich hatten zu spät begonnen, die deutsche Sprache zu lernen. Erst in den letzten Jahren seines Lebens machten wir gemeinsam einen Deutschkurs. Er konnte viel besser Deutsch als ich, da er oft mit deutschen Kunden redete. Als er krank wurde, brach er den Kurs ab. Ich mache bis heute weiter. In Grammatik bin ich noch sehr schlecht, aber das Reden fällt mir heute schon viel leichter als früher. Irgendwann muss ich mich auf den Einbürgerungstest vorbereiten. Meine Kinder haben alle den deutschen Pass. Ich dagegen muss meine Staatsbürgerschaft alle drei Jahre verlängern.
Zurzeit nehme ich an einem Handarbeitsprojekt teil, der von der Arbeitsagentur gefördert wird. Jeden Tag komme ich für acht Stunden dorthin, um mit anderen 14 Frauen Nähen, Häkeln und Basteln zu lernen. Nach dem Kurs bekoche ich meine Kinder. Sie alle haben für die Hausarbeit ja gar keine Zeit. Meine deutschen Lieblingsspeisen sind Ente mit Rotkohl und Käsekuchen.
Meine Heimat ist hier in Berlin. Meine Geburtstadt habe ich 22 Jahren lang nicht gesehen. Erst als mein Mann starb, sah ich sie wieder. Libanon ist ganz anders geworden. Ich habe das Land nicht wieder erkannt. Es ist mir fremd geworden. Außerdem können meine Kinder noch kaum Arabisch. Ich spreche ja die ganze Zeit mit ihnen in meiner Muttersprache, aber sie antworten mir immer nur auf Deutsch. Mit unseren Verwandten in Libanon reden sie mit Händen und Füßen. Libanon ist uns fremd geworden, aber in meinem Herzen bleibt immer ein Platz für Palästina.