Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Integration: Porträts

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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Integration

Porträts aus Berlin

Fünf Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund erzählen von ihren Schwierigkeiten, Chancen und Träumen in Berlin-Neukölln

Foto: Julia Walker/lorenzspringer

Ahmet Çaliskan arbeitet hart für seinen Gemüseladen

Mein Arbeitstag hat 15 Stunden. Um zwei Uhr nachts fahre ich los zum Großmarkt nach Berlin-Charlottenburg und hole die Ware. Noch vor acht Uhr liegt das frische Gemüse und Obst bereit für meine Kunden. Gegen Mittag halte ich meinen Schlaf und bin ab Nachmittag bis acht Uhr abends wieder im Laden.

Zwanzig Jahre lang habe ich das Geschäft gemeinsam mit meinem Vater geführt. Anfang des Jahres habe ich es von ihm übernommen und meine Eltern konnten endlich für eine längere Zeit in ihre türkische Heimat fahren.

Unsere Familie stammt aus Burdur in der Nähe von Antalya. Ich lebe schon seit fast 35 Jahren in Deutschland. Meine Eltern kamen bereits Ende der 60-er Jahre nach Berlin. Mein Vater fand Arbeit in einer Kupfer-Metall-Fabrik, meine Mutter in der Küche eines Hotels. Später holten sie meine zwei Schwestern und mich nach. Ich war 15 Jahre alt und hatte mein Abitur fast in der Tasche, als ich umziehen musste.

In Berlin wurde ich zunächst in eine Grundschule gesteckt. Manche Einwanderkinder wurden damals zu den jüngeren Schülern gesteckt, obwohl sie sich schon rasiert haben. Andere Einwandererkinder wurden nur wegen Sprachschwierigkeiten an Sonderschulen verwiesen.

Nach kurzer Zeit Jahr bekam ich Arbeit. An nur einem Tag wurde ich in den Beruf des Tischlers eingewiesen. Einmal pro Woche durfte ich zum Unterricht in so eine Art Vorbereitungsschule, wo nur türkische Lehrer unterrichteten. Schade, dass ich damals nicht genug Deutsch sprach, um mich rechtszeitig über andere Bildungswege zu informieren. Große Probleme gab es auch bei der Wohnungssuche: Für einige Bezirke gab es eine Zuzugssperre und die Arbeitsverträge der Einwanderer wurden oft nur von Jahr zu Jahr verlängert. 

Meine richtige erste Arbeit habe ich in einer kleinen Metallfirma in Lichterfelde gefunden. Dort blieb ich für drei Jahre. Während dieser Zeit habe ich meine Frau geheiratet. Sie stammt ebenfalls aus meiner Geburtstadt Burdur.

Nach der Hochzeit arbeitete ich in der Galvanotechnik in Kreuzberg. Dann bekam ich Arbeit in einer Stahlbetonfirma, die ich wegen einer Lähmung im Bein aufgeben musste. Ich blieb für ein halbes Jahr zu Hause. Danach arbeite ich zwei Jahre für eine Reinigungsfirma. Da habe ich nicht viel verdient, musste aber meine größer gewordene Familie versorgen. In der Zeit wurde nämlich meine Tochter geboren.

Ich war sehr froh darüber, dass mein Vater bald einen Obst- und Gemüseladen eröffnete. Er hatte ihn einem Landsmann abgekauft. So konnte ich meinen schlecht bezahlen Job kündigen und bei ihm anfangen. Endlich nicht für andere arbeiten zu müssen und mein eigener Chef zu sein.

1992 kam mein Sohn auf die Welt. Er spielt in der Jugendmannschaft von Hertha BSC und will auch beruflich als Profifußballer weiterkommen. Meine 23-jährige Tochter holt gerade ihr Abitur nach. Ich bin sicher, dass meine Kinder nicht den Obs- und Gemüsehandel übernehmen werden. Ich rechne mit einer ganz anderen Zukunft für sie.

Mariam El-Ahmad bekam wegen ihres Kopftuches keinen Ausbildungsplatz

Ich habe schon immer Kopftuch getragen. In der Schule hatte ich damit keine Probleme. Später auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz schon. Von einigen Ausbildern bekam ich zu hören, ich würde die Kunden vertreiben. Aber auch in meinem Bezirk Neukölln, wo jeder dritte Einwohner einen Migrationshintergrund hat, werde ich darauf angesprochen und manchmal auch angepöbelt.

Dabei habe ich fast mein ganzes Leben hier in Berlin verbracht. Im Alter von nur vier Monaten kam ich mit meiner Familie nach Deutschland. Wir haben unsere Heimat im Südlibanon damals wegen des Bürgerkriegs verlassen. Mit meinen Eltern, zwei Schwestern und vier Brüdern kam ich zunächst in einem Berliner Wohnheim unter. Heute führt mein Vater ein Imbiss-Restaurant. Meine Mutter arbeitet momentan nicht. Sie besucht einen Deutschkurs. Ich habe einen Realschulabschluss, aber noch keine Ausbildung. Obwohl ich vieles ausprobiert habe, habe ich noch keinen passenden Ausbildungsplatz gefunden. Ich war Praktikantin in einem Fotoshop, einem Reisebüro und einer Zahnarztpraxis. Lange wusste ich nicht, was ich wirklich wollte – bis ich an einer Nähmaschine saß. Seit ein paar Wochen komme ich jeden Tag zu einem Handarbeitsprojekt. Dort lerne ich mit weiteren 14 Frauen alle Handgriffe der Schneiderei. Ich bin die jüngste unter den Teilnehmerinnen. Nach dem Kurs will ich an eine richtige Nähschule. Bis es soweit ist, muss jeder Stich sitzen.

Foto: Julia Walker/lorenzspringer

Widad Al-Emam erledigt für ihre Familie alle Behördengänge

Ich will Sozialpädagogik studieren. Es macht mir Spaß, mit Jugendlichen zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Ich bin das älteste von sieben Kindern unserer palästinensisch-syrischen Familie. Geboren bin ich in Bukarest. Als ich mit sechs Jahren nach Deutschland kam, war ich ganz allein auf mich gestellt. Meine Eltern sprachen kein Wort Deutsch. Mein Vater hat in Rumänien Journalismus studiert. Er war immer mein großes Vorbild, weil er es damals ganz alleine in einem fremden Land geschafft hat. In Deutschland konnte er sein Studium nicht gebrauchen. Zurzeit besucht er einen Integrationskurs. Meine Mutter ist Hausfrau und hat einen Ein-Euro-Job. Für meine gesamte Familie erledige ich bis heute viele Behördengänge.

Vor einem Jahr machte ich mein Abitur. Mein Kopftuch war in der Schule nie ein Thema. Ich wurde niemals darauf angesprochen, obwohl ich die einzige in der Oberstufe war, die ein Kopftuch trug.  

Jedes Wochenende engagiere ich mich ehrenamtlich in der mobilen Jugendarbeit Neukölln. In meiner Gruppe sind Jugendliche zwischen zwölf und 23 Jahren. Ich helfe ihnen bei den Hausaufgaben oder organisiere Ausflüge. Die Arbeit mit meinen Schützlingen ist zu meinem Hobby geworden, das ich auch während des Studiums fortsetzen will.

Foto: Julia Walker/lorenzspringer

Siham Elissawi ist Hausfrau und wohnt mit ihren vier Kindern in Neukölln

Meine Familie kommt ursprünglich aus Palästina. Ich selbst war noch niemals dort. Vor 48 Jahren wurde ich in der libanesischen Hauptstadt, in Beirut, geboren. Seit 25 Jahren lebe ich mit meiner Familie in Deutschland.

Die erste Zeit in Deutschland war schwer für uns. Erst nach zwei Jahren fand mein Mann Arbeit: zunächst als Dekorateur in Bayern. Damals wohnten wir mit unseren zwei kleinen Kindern in einem Zimmer. Ich verstand gar kein Wort Deutsch und musste dennoch entscheiden, was für meine Kinder gut oder schlecht ist. Ich konnte ihnen gar nicht bei ihren Hausaufgaben helfen. Ich sah nur zu, dass meine älteren Kinder die jüngeren immer unterstützten und mitzogen. Und bald halfen sie auch mir, zum Beispiel auf den Ämtern.

Heute wohne ich mit meinen vier Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Neukölln. Mein ältester Sohn arbeitet als Elektrotechniker auf dem Flughafen Schönefeld. Meine älteste Tochter ist Arzthelferin in einer Kinderarztpraxis. Große Probleme hat zurzeit meine jüngste Tochter: Sie holt zurzeit ihren Hauptschulabschluss nach. Mein jüngster Sohn besucht die zehnte Klasse einer Realschule. Er ist sehr gut in Mathe, Physik und Chemie. Im Fach Deusch aber hapert es noch. Erst neulich habe ich bei seinem Klassenlehrer angerufen. Der sagte, dass er Nachhilfe in Deutsch brauche. In seiner Klasse gibt es nur sechs deutsche Mitschüler. 

Meine beiden Eltern sind schon lange tot. Vor unserer Ausreise aus Libanon kam mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben. Meine Mutter zog später zu uns nach Deutschland. Sie ist vor Jahren hier gestorben.

Der Rest meiner Familie ist über die ganze Welt verstreut. Einer meiner Brüder arbeitet in Dänemark, ein anderer in einem Restaurant auf Sylt. Ein weiterer ist ein ausgebildeter Schiffskapitän. Er hat in Griechenland gelernt, aber weder dort noch in Deutschland passende Arbeit gefunden. Nun macht er eine Ausbildung zum Pfleger.

Ich war mein ganzes Leben lang Hausfrau. In Libanon machte ich nach der zwölften Klasse mein Abitur und habe sofort geheiratet. Heute bereue ich, dass ich damals keinen Beruf gelernt habe. Vor zwei Jahren starb mein Ehemann an einer Leberkrankheit und ich stand ohne Ausbildung und ohne Sprache da.

Mein Mann und ich hatten zu spät begonnen, die deutsche Sprache zu lernen. Erst in den letzten Jahren seines Lebens machten wir gemeinsam einen Deutschkurs. Er konnte viel besser Deutsch als ich, da er oft mit deutschen Kunden redete. Als er krank wurde, brach er den Kurs ab. Ich mache bis heute weiter. In Grammatik bin ich noch sehr schlecht, aber das Reden fällt mir heute schon viel leichter als früher. Irgendwann muss ich mich auf den Einbürgerungstest vorbereiten. Meine Kinder haben alle den deutschen Pass. Ich dagegen muss meine Staatsbürgerschaft alle drei Jahre verlängern.

Zurzeit nehme ich an einem Handarbeitsprojekt teil, der von der Arbeitsagentur gefördert wird. Jeden Tag komme ich für acht Stunden dorthin, um mit anderen 14 Frauen Nähen, Häkeln und Basteln zu lernen. Nach dem Kurs bekoche ich meine Kinder. Sie alle haben für die Hausarbeit ja gar keine Zeit. Meine deutschen Lieblingsspeisen sind Ente mit Rotkohl und Käsekuchen.

Meine Heimat ist hier in Berlin. Meine Geburtstadt habe ich 22 Jahren lang nicht gesehen. Erst als mein Mann starb, sah ich sie wieder. Libanon ist ganz anders geworden. Ich habe das Land nicht wieder erkannt. Es ist mir fremd geworden. Außerdem können meine Kinder noch kaum Arabisch. Ich spreche ja die ganze Zeit mit ihnen in meiner Muttersprache, aber sie antworten mir immer nur auf Deutsch. Mit unseren Verwandten in Libanon reden sie mit Händen und Füßen. Libanon ist uns fremd geworden, aber in meinem Herzen bleibt immer ein Platz für Palästina.

Foto: Julia Walker/lorenzspringer

Mohamed Rabih bekam vor einem Jahr einen deutschen Pass

Ich lernte gerade meinen Namen schreiben, als wir unsere Heimatstadt Tripoli in Nordlibanon verließen. Als ich sechs war, kam ich mit fünf Schwestern und zwei Brüdern 1990 nach Berlin. Meine Eltern wollten uns eine sichere Zukunft bieten. In unserem Heimatland, in dem der Bürgerkrieg seit zwei Jahrzehnten vieles zerstörte, konnten sie es nicht. Hier in Deutschland hatte man die Gelegenheit, etwas aus sich zu machen. Meine Eltern hegten große Hoffnungen.

Nach meiner Einschulung wohnten wir noch lange in Berliner Asylantenheimen: Spandau, Prenzlauer Berg und Schöneberg. Erst nach sechs Jahren durften wir eine Wohnung mieten. Seit über zwölf Jahren wohnen wir nun in Berlin-Neukölln.

Nach der Grundschule kam ich auf die Realschule. Danach absolvierte ich eine Ausbildung als Fertigungsmechaniker und ließ mich anschließend weiterbilden. Später wollte ich mein Fachabitur nachholen. Aber ich blieb nicht dran. Nach einem halben Jahr schien mir die Schule nicht wichtig zu sein. Ich wollte endlich arbeiten
gehen. Heute bereue ich das sehr. Das war sehr dumm von mir. Nur ein halbes Jahr später hätte ich mein Abi gehabt, und vieles wäre einfacher gewesen. So habe ich hier und da in der Montage gearbeitet. Zwischendurch war ich immer wieder arbeitslos. Seit ein paar Monaten habe ich wieder einen Job. Im Arabischen Kulturinstitut in Neukölln helfe ich, Projekte und Veranstaltungen zu organisieren. Außerdem bin ich dort so eine Art Lotse: Ich begleite meine Landsleute zu Behörden. Viele können nur schlecht Deutsch. Ich übersetzte und fülle Formulare für sie aus.

Vor einem Jahr habe ich den deutschen Pass bekommen. Ich musste mich zwischen der deutschen und der libanesischen Staatsbürgerschaft entscheiden. Heute – mit dem Personalausweis in der Tasche – fühle ich mich irgendwie anders: Ich habe eine gewisse Sicherheit dadurch erhalten. Außerdem finde ich den handlichen Personalausweis viel bequemer. Wenn ich früher ausging und von den Türstehern kontrolliert wurde, musste ich meinen libanesischen Pass samt der Meldebescheinigung vorzeigen. Das war vielleicht umständlich.

Mit dem deutschen Pass komme ich auch meinem neuen Berufsziel näher. Im Kulturinstitut wurde ich auf ein Stellenangebot der Berliner Polizei aufmerksam. Die Behörde sucht Nachwuchs bevorzugt mit Sprachkenntnissen aus den Kiezen. Ich spreche neben Deutsch Arabisch, Englisch und etwas Französisch. Allerdings geht es bei der Polizei für mich um mehr: Ich will als Polizist hier in Neukölln arbeiten, wo es Schulen mit über 80 Prozent Ausländeranteil gibt. Viele Jugendliche hängen auf der Straße herum. Genau dort hoffe ich, meine Sprachkenntnisse einbringen zu können.

In meiner früheren Heimat war ich nur einmal, vor sieben Jahren. Als ich meine zahlreichen libanesischen Verwandten besuchte, war alles anders als ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Die Menschen leben dort ganz anders als wir hier. Heimisch fühlte ich mich dort nicht mehr. Nach zwölf Jahren Schule und Ausbildung in Berlin, steht für mich fest: Meine Heimat ist auf jeden Fall Berlin. Ich müsste schon lügen, wenn ich Libanon sage.


Protokoll: Julia Walker


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