Liborius.de: Wie haben Sie sich nach diesem Schock auf die Beerdigung von Gertraud Daxenberger vorbereitet?
Ich habe mich erst sehr hineingesteigert und mir viele Gedanken gemacht. Dann habe ich mir versucht zu sagen, und ich habe auch dafür gebetet, dass ich mich nicht so wichtig nehmen darf. Der Herrgott muss mir die Worte geben, die ich den Angehörigen und Trauernden sagen soll. Ich vertraue darauf, dass das geschieht. Und so war es auch gestern. Außerdem habe ich kurz vor der Beerdigung in der Sakristei einen Pfarrer getroffen, den ich sehr gut kenne, der aber eigentlich nicht zelebrieren sollte. Trotzdem habe ich ihn gefragt, ob er zusammen mit mir die Beerdigung halten würde. Er hat die Einleitung und die Eucharistiefeier übernommen, und mir das Ganze so sehr erleichtert. Dafür war ich wirklich dankbar!
Ist es schwerer, einen Menschen zu beerdigen, den man gut gekannt hat?
Nein, im Gegenteil. Wenn eine enge Beziehung da ist, kann ich noch persönlicher reagieren. Gertraud Daxenberger allerdings habe ich gar nicht so gut gekannt, sie war ja in einer anderen Pfarrei. Deshalb habe vorher ich lange mit den Angehörigen gesprochen, um möglichst viel über sie zu erfahren. Zum Beispiel, dass Frau Daxenberger sehr engagiert war in der Kirche, war Lektorin, Kommunionmutter und hat Familiengottesdienste vorbereitet. Außerdem haben wir über wichtige Lebensstationen gesprochen. Und mir ist bei solchen Gesprächen wichtig, dass wir auch über das Sterben sprechen ...
... Sie haben das auch mit den Angehörigen von Frau Daxenberger getan ...
... weil es für mich keine Zufälle gibt. Gertraud Daxenberger ist an einem Sonntagmorgen, an Mariä Himmelfahrt gestorben. Ich habe zu den Angehörigen deshalb gesagt: Auch wenn sich das im Moment vielleicht etwas seltsam anhört – ihre Schwester hätte sich keinen schöneren Tag zum Sterben aussuchen können: Der Sonntag ist das Fest des Herrn. Am Morgen geht die Sonne auf, der Herr kommt von Osten her uns Menschen entgegen. Und Maria ist die Person, die uns zeigt, wohin unser Leben führt: zu Gott.
Welches Evangelium haben die Angehörigen ausgewählt?
Das war Johannes 17,24-26. Es ist ein Abschiedsgebet Jesu und das sagt uns, dass uns Gott unwahrscheinlich liebt. Deshalb will er jeden von uns, wenn seine Zeit gekommen ist, zu sich holen. Denn bei ihm dürfen wir an seiner Herrlichkeit teilnehmen. Und noch ein Gedanke war mir gestern wichtig: Jesus sagt, dass er in dem Menschen, der den Vater lieben gelernt hat, Wohnung nimmt. Das klingt schwierig. Aber es heißt einfach, dass Gott in uns wohnt, dass er in und bei uns ist, wenn wir ihn lieben. Wenn wir sterben, dann können wir diesen Körper weglegen, weil Gott in uns ist und sich mit uns auf den Weg macht. Er lässt uns auch auf diesem letzten Weg nicht alleine und begleitet uns in das neue Leben nach der Auferstehung.
An diesem Tag, am Tag der Beerdigung von Gertraud Daxenberger, ist plötzlich auch noch ihr Mann gestorben. Da fällt es schwer, an einen liebenden Gott zu glauben.
Vor der Beerdigung haben mich tatsächlich einige Menschen angerufen und gefragt, warum Gott es zulässt, dass die drei Söhne vom Sepp jetzt alleine sind. Sie wollten wissen, ob das nicht ungerecht von Gott ist. Ich habe diese Fragen in der Predigt aufgegriffen und mich zuerst an die Buben gewandt und ihnen gesagt, dass ich auf diese Fragen keine Antwort geben kann. Weil es darauf keine Antwort. Was uns bleibt, ist die Aussage Jesu aus dem Matthäusevangelium: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“
Was heißt das genau?
Jesus möchte uns damit nicht Angst machen, sondern er möchte, dass wir unsere Tage bewusst leben und unsere Zeit wirklich nutzen. Jesus will, dass wir die gesamte Fülle des Lebens erfahren. Ich weiß natürlich, dass das gerade in solchen traurigen Momenten schwer zu glauben ist.
"Sehr gläubig war er und trotzdem keiner, der seinen Glauben vor sich hergetragen hat"
Hatten Sie das Gefühl, dass Sepp Daxenberger seine Tage bewusst gelebt hat?
Der Sepp war ein kantiger Kerl, da hat man nicht hineingesehen. Ich habe ihn in den Achtzigern kennengelernt, in der Landwirtschaftlichen Winterschule in Traunstein. Das ist eine Schule, wo die hingehen, die schon eine Lehre oder die Lehre abgeschlossen haben, um zu studieren und dann den Meister zu machen. Wir hatten dort jedes Jahr eine Weihnachtsfeier. Ich habe Materialien vorbereitet, um eine Weihnachtsszene oder etwas Ähnliches zu spielen. Die Unterlagen habe ich auch dem Sepp angeboten. Gesagt aber hat er: „Das passt doch nicht. Hast du nichts anderes?“ Ich habe gesagt: „Na, tut mir leid“. Dann hat er sich meine Unterlagen genommen und eine eigene Weihnachtsgeschichte zusammengeschrieben. Und das war super! Nicht einfach für mich, weil ich eher vom traditionellen Denken und Christsein komme. Der Sepp dagegen war mit den Grünen im Aufbruch und auch ein Mensch, der provoziert hat. Und dann bringt er so eine Geschichte daher – das hat meine Einstellung sehr verändert. Sehr gläubig war er und trotzdem keiner, der seinen Glauben vor sich hergetragen hat. Aber er ist auf die Menschen zugegangen und hat sich um sie gekümmert. Das ist für mich sehr biblisch. Denn genau das hat uns Jesus vorgelebt. Das habe ich auch gestern bei der Beerdigung gesagt.
Wie haben die Söhne Felix, Kilian und Benedikt darauf reagiert?
Als ich über ihren Vater gesprochen habe, was für ein Mensch er war, das haben sich die drei angeschaut, genickt und gegrinst. So als wollten sie sagen: Ja, so ist er gewesen, der Vater. Sie waren alle drei relativ gefasst.
Und das, obwohl sie binnen drei Tagen beide Eltern verloren haben.
Ich bin überzeugt davon, dass die Gertraud den Sepp abgeholt hat. Vielleicht wollte sie ihn erlösen und bei sich haben. Und vielleicht war der Sepp nun bereit, loszulassen und zu seiner Frau zu gehen. Bestimmt sind die beiden nun beim lieben Herrgott zusammen.
Interview: Simon Biallowons