Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Zölibat und Pädophilie?
Der Anspruch auf ein zölibatäres Leben fördert sicher keine pädophile Sexualität. Der Versuch, auf körperliche Sexualität zu verzichten, führt zu keiner Veränderung der sexuellen Orientierung.
Das hört sich sehr entschieden an …
Unsere sexuelle Präferenz wird mit der Pubertät festgelegt, sie ändert sich im weiteren Verlauf des Lebens nicht mehr wesentlich. Durch viele wissenschaftliche Untersuchungen ist gesichert, dass sich Pädophilie nicht durch Behandlung in eine „normale“ Sexualität umlenken lässt. Umgekehrt gibt es auch keinen Hinweis darauf, dass durch bestimmte Lebensbedingungen im Erwachsenenalter eine pädophile Orientierung entsteht.
Trotzdem kritisieren nun viele, dass im Zölibat und der katholischen Sexualmoral die Ursache der Missbrauchsfälle liegen.
Die kirchlichen Strukturen haben vielleicht die frühere Tendenz unterstützt, begangene Missbrauchshandlungen nicht öffentlich bekannt werden zu lassen. Schuld an den Handlungen selbst waren aber die Täter und niemand sonst. Dass eine strenge Sexualmoral oder der Verzicht auf eine körperlich ausgelebte Sexualität dazu führen soll, dass jemand genau hiergegen verstößt und das auf eine derart schreckliche Weise, erscheint nicht sonderlich einleuchtend. Wissenschaftliche Hinweise auf einen solchen Zusammenhang gibt es jedenfalls nicht.
Haben katholische Geistliche mehr oder weniger pädophile Tendenzen als Angehörige anderer Berufsgruppen?
Konkrete Hinweise hierauf gibt es nicht, erst recht keine wissenschaftlichen Befunde. Man könnte allenfalls vermuten, dass es unter den Priesteramtskandidaten zuweilen auch Menschen gibt, die ihrer eigenen Sexualität zwiespältig oder gänzlich ablehnend gegenüber stehen und diesen Konflikt durch eine Art Flucht in den Zölibat lösen wollen. Soweit ich dies beurteilen kann, wird darauf in der Priesterausbildung auch schon seit langem geachtet. Nur gibt es natürlich keine Möglichkeit, pädophile Tendenzen von außen zu erkennen, wenn der Betroffene selbst sich nicht öffnet.
Wie anfällig ist die Kirche im Vergleich zu anderen Institutionen, die ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen arbeiten?
In allen Berufsgruppen, die in einem engen, vertrauensvollen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen stehen, besteht eine besondere Gefahr, dass dieser Kontakt und das von den Kindern und deren Eltern entgegen gebrachte Vertrauen missbraucht werden. Für einen solchen Vertrauensmissbrauch ist die Kirche nicht anfälliger als vergleichbare Institutionen.
Wie sollte die Kirche jetzt bei der Aufklärung vorgehen?
Sicher ist die Kirche gut beraten, jetzt mit großer Offenheit vorzugehen. Andererseits sollte nun aber auch nicht jede Meldung über einen erlittenen Missbrauch ungeprüft als wahr angenommen werden. Damit würde man den tatsächlichen Opfern solcher Handlungen sicher auch nicht gerecht.
Spricht die Kirche offen genug über Fälle der sexuellen Gewalt an Kindern?
Hier hat sich die Kirche in gleicher Weise geändert wie die Gesellschaft insgesamt. Es ist sicher kein Zufall, dass jetzt ganz überwiegend Fälle bekannt werden, die in den 50er- bis 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgt sind. Seitdem ist dieses Problem sehr viel stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt, es wird mehr und offener darüber diskutiert, und es ist für die Opfer sehr viel leichter geworden, sich gegenüber Angehörigen, Lehrern oder auch der Polizei zu öffnen.
Wie hilfreich sind die Leitlinien, die die Deutsche Bischofskonferenz im Jahr 2002 erlassen hat?
Diese Leitlinien signalisieren den veränderten Umgang der Kirche mit diesem Problem, erleichtern den Opfern, Hilfe zu finden und tragen dazu bei, erneuten Missbrauchshandlungen so weit wie möglich vorzubeugen. Möglicherweise wurden diese Richtlinien in den verschiedenen Diözesen bislang mit unterschiedlicher Sorgfalt umgesetzt. Sicher können sie an einigen Stellen auch noch verbessert werden. Dies ist aber derzeit bereits in Arbeit.
Wie verläuft Ihrer Meinung nach die aktuelle Debatte um Missbrauchsfälle?
Sie war sicher überfällig, wird meines Erachtens derzeit aber zu sehr auf die Kirche zentriert, und zwar nicht nur in Bezug auf sexuellen Missbrauch, sondern auch hinsichtlich des zweifellos inhumanen Erziehungsstils, der damals in kirchlichen Internaten und Heimen in gleicher Weise verbreitet war wie in anderen Einrichtungen und in den Familien selbst. Aber natürlich müssen sich die Kirche und ihre Mitarbeiter gefallen lassen, dass man ihre Handlungen an dem eigenen Anspruch an Moral und Menschenliebe misst.
Interview: Julia Walker