Irrsinn Israel
Bei meinem letzten Besuch in Jerusalem, er liegt vier Jahre zurück, ist mir eine Gruppe amerikanischer Christen aufgefallen, die eine Sympathiedemonstration für Israel machten. „Christen für Israel“ stand auf den Plakaten, die sie trugen. Die Passanten nahmen den Zug von fünfzig Frauen und Männern, der durch die Neustadt von Jerusalem zog, stoisch zur Kenntnis. Damals war die Intifada bereits in vollem Gange, die Lage in der Stadt angespannt. Nach einigen Selbstmordattentaten in vollbesetzten Restaurants und Cafés konnte man in keinen geschlossenen Raum gehen, ohne eine Leibesvisitation oder einen Metalldetektor über sich ergehen zu lassen.
Gibt es aus einer religiösen Motivation heraus eine automatische Option für die Israelis, die Nachfahren der Juden des Alten Bundes, so wie das die Gruppe aus den USA formuliert hat? Es stand immerhin „Christen für Israel“ auf den Transparenten und nicht „US-Bürger für Israel“. Im Gespräch mit einem Angehörigen der Apostolischen Delegation in Jerusalem teilte dieser mir seine Beobachtung mit: Diplomaten und Geschäftsleute, die hierher kommen, lässt die Präsenz der Heiligen Stätten ihrer Religion nicht unberührt, auch wenn sie sich vorher nicht übermäßig religiös erlebt hatten. Man kommt also, als Christenmensch aus der Alten Welt, nicht umhin, in Israel die Spuren seiner Religion bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und damit automatisch eine Koppelung an das Volk der Juden und den Zauber, den die biblischen Berichte von der Stadt Jerusalem zeichnen, zu erliegen.
Israel muss um seiner selbst Willen die Infrastruktur der Hamas zerschlagen
Leitet sich daraus eine automatische Option für die Politik Israels ab? Wohl kaum. Der Sicherheitszaun der Israelis wurde scharf kritisiert, von Politikern und religiösen Würdenträgern. Als Brandmarkung eines ohnehin schon gescholtenen Volkes ist dieser Zaun eine Abkehr von jener Humanität, die ihre Wurzeln in der christlichen Lehre vom Menschen hat. Wie ist das im aktuellen Konflikt um Gaza? Israel hat das Recht, sich zu verteidigen, die Hamas hat den Waffenstillstand aufgekündigt, nicht die Regierung in Jerusalem. Israel muss um seiner selbst Willen die Infrastruktur der Hamas zerschlagen. Trotz Präzisionswaffen kommen die Militärs nicht umhin, mit zivilen Opfern zu kalkulieren, zumal die mutigen Gotteskrieger sich ja hinter ihren Frauen, Kindern, Kranken und Alten verschanzen, um sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.
Die Bilder von schwerer Artillerie, einer starken Luftwaffe und einer Macht zu See auf der einen und vermummte Kinder mit Steinschleudern auf der anderen Seite sind schief. Dennoch illustrieren sie etwas Wahres: Die Palästinenser erleben sich schwach angesichts der militärischen Stärke Israels. Dosiert muss das Vorgehen deshalb sein, das Israel an den Tag legt. Denn, zumindest sagt dies die Regierung, möchte sie nur die Hamas, nicht aber die Menschen in Gaza, treffen.
Als Christenmensch wünscht man sich den Frieden im Heiligen Land. Es scheint ein genauso frommer Wunsch zu sein, wie das „Nächstes Jahr in Jerusalem“, das sich die Juden beim Pessach-Fest zurufen. Der Frieden in Nahost ist nicht nur das Anliegen religiöser Menschen. Dieser Teil der Erde ist aus vielen Gründen hoch explosiv. „Christen für Israel“ kann es als Blanko-Scheck niemals geben, „Christen für die Menschen im Heiligen Land“ schon.
Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero