Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Priester für morgen

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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Debatte

Priester für morgen

Deutschland braucht mehr Priester. Der Priestermangel bringt die Kirche zunehmend in Bedrängnis. Der bekannte Theologe Professor Paul Zulehner mit einer Vision für die Zukunft des Priesterberufs

Priester kann man nicht ohne die Kirche verstehen. Die Kirche wiederum nicht ohne ihren Auftrag von Gott. Der Auftrag der Kirche ist die beständige Erinnerung: In Jesu Tod und Auferstehung hat Gott begonnen, mit seiner Welt an ein unwiderruflich gutes Ende zu kommen. Die Kirche verkündigt, dass das, was Gott in Jesus einem von uns getan hat, Maß für die Vollendung aller ist. Durch Gott und auf ihn hin ist alles geschaffen. Alle Menschen sind geschaffen, in den auferstandenen Christus hineinzuwachsen – gleich, aus welcher Kultur sie stammen oder welche Biografie sie haben. Das gilt für Buddhisten und Atheisten, spirituell Suchende und Christen.

Inmitten dieser bunten Vielfalt ist es die Mission der Kirche, Licht und Salz (Mt 5,32f.) zu sein. Sie lebt schon wie nach der Auferstehung als Teil des österlichen Leibes Christi. Und sie begleitet die Menschen, damit sie in Richtung der Vollendung in Christus ausreifen können.

Benötigt werden künftig zwei Arten von Priestern

Dieser Auftrag der Kirche geschieht heute lokal und zugleich regional. In Zukunft muss er eine mobile und eine stabile Seite haben: Es braucht Kirchenleute, die missionarisch unterwegs sind zu den Menschen, apostolische Existenzen. Ordiniert die Kirche solche Mitglieder, werden sie von Amts wegen missionarisch. Ihre Aufgabe ist es, jene Menschen aufzuspüren, die eine gottgegebene Kirchenberufung in sich tragen, damit sie diese erkennen, annehmen und sich in eine konkrete gläubige Einheit eingliedern lassen. Solche Priester brauchen eine hervorragende Ausbildung in der Kenntnis der Freuden und Nöte der Menschen, ihrer Sehnsucht nach dem Wahren und Guten, die eine Gabe Gottes ist. Sie benötigen eine hohe Empathie für die spirituellen Wege und Umwege, die die Menschen einschlagen. Es braucht dann eine sprachliche Kompetenz, um das Leben zu deuten und dessen innere Ausrichtung auf die gemeinsame Vollendung im kosmischen Christus auszulegen.

Mobile Priester: gebildet, missionarisch, ehelos

In diesen lokalen Gemeinschaften sind die vielfältigen Begabungen zu heben. Ehrenamtliche Dienste bilden sich für die Belange einer gläubigen Gemeinschaft: Dienste am Wort, in der Liturgie, an der Gemeinschaft und ihrem Gedeihen. Eine Zeit lang werden die missionarischen Priester mit solchen Gemeinden leben. Sind diese dann in der Lage, für sich selbst zu sorgen, werden sie weiterziehen und weitere Gemeinden gründen.

Nach wie vor sinkt in Deutschland die Zahl der Priester. Ausländische Priester, vor allem aus Polen und Indien, sichern die Seelsorge bei uns (Quelle: spiegel.de)

Es macht Sinn, dass diese missionarischen Priester eine volle akademische Bildung erhalten. Wegen der notwendigen Mobilität, die ihnen zugemutet wird, ist es auch angemessen, dass sie ehelos leben: am besten in einer missionarischen Priester-Kommunität. Ihre Weihe bindet an eine Ortskirche und geht der Gründung kleiner gläubiger Einheiten voraus, geschieht in diesem Sinn losgelöst von diesen, also in der Sprache der Theologie „absolut“.

Neben solchen missionarischen, vollakademisch gebildeten und ehelosen Priestern benötigt die Kirche für morgen eine weitere Art von Priestern. Sie werden nötig, sobald die missionarischen Priester erfolgreich gearbeitet haben und viele sich selbst tragende gläubige Einheiten entstanden sind. Für das Leben in solchen Gemeinschaften braucht es „Ordinierte“: also Personen, die beauftragt sind, „im Namen der Kirche“ und „im Namen Christi des Haupts der Kirche“ zu handeln. Der noch junge Theologe Joseph Ratzinger hat dies 1970 in einer Vision für die Kirche im Jahr 2000 so umrissen: „Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen: In vielen kleineren Gemeinden bzw. in zusammengehörigen sozialen Gruppen wird die normale Seelsorge auf diese Weise erfüllt werden. Daneben wird der hauptamtliche Priester wie bisher unentbehrlich sein.“

Die heutige Kirche krankt am Zölibat

Diese Priester haben den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit nicht in der Gründung, sondern in der Leitung einer Gemeinde. Dabei meint „leiten“ auch „nähren“, entfalten, für die Handlungsfähigkeit sorgen. Sie müssen vor allem darum besorgt sein, dass die Gemeinde Licht und Salz für das Hineinreifen aller Menschen in den kosmisch-auferstandenen Christus ist. Eben das geschieht in der Feier der eucharistischen Wandlung, welche Quelle und Höhepunkt des Lebens all dieser kleinen gläubigen Einheiten ist, ja sein muss.

Priesternachwuchs aus Afrika, Asien und Lateinamerika sorgt für wachsende Zahlen in den letzten Jahren (Quelle: clerus.org)

Diese gemeindlichen Priester (der südafrikanische Bischof Fritz Lobinger nennt sie Älteste) leben und wirken als lokales Priesterteam. Sie entstammen einer lokalen Einheit, in der sie „erfahren“ (also „probat“) geworden sind. Sie sind personae probatae. Zu einer solchen Person wird man nicht durch individuelle Berufung, losgelöst von einer gläubigen Gemeinschaft. Vielmehr ist es die gläubige Gemeinschaft selbst, die diese (immer mindestens drei) Personen findet und den Bischof bittet, sie in ein lokales Presbyterium (eine Gemeinde, eine Pfarrei, einen überschaubaren Seelsorgraum) zu weihen. Sie sind also nicht mehr absolut, auf die große Ortskirche hin ordiniert, sondern relativ, bezogen auf den pastoralen Raum, aus dem sie kommen und in dem sie wirken. Sie müssen sodann vor der Weihe auch keine volle akademische Ausbildung erhalten, sondern machen vielleicht ein Bakkalaureat oder eine andere kompakte theologisch-pastorale Ausbildung. Wettgemacht wird die kürzere Ausbildung durch eine intensive pastorale Begleitung durch einen akademisch ausgebildeten Priester im Seelsorgeraum – dieser ist wie ein Dekan dann für etwa zehn solcher lokaler Presbyterien zuständig. Diese lokal angebundenen Priester arbeiten, wie Ratzinger vorhersah, nebenberuflich, ehrenamtlich. Für sie gibt es auch die Möglichkeit, in Ehe zu leben.

Ein solches Modell mit zwei Arten von Priestern hätte mehrere Vorteile: Erstens steht nicht die Frage nach Priestern, sondern nach den gläubigen Gemeinden, ihrer Gründung, ihrer Entwicklung zur Selbstversorgung, ihrer Eucharistiefähigkeit im Mittelpunkt.

Zweitens hieße die Alternative nicht mehr zölibatär oder nicht: eine Alternative, an der die heutige Kirche krankt und die sie zwingt, wider aller Erklärung über die zentrale Bedeutung der Eucharistie in priesterarmen Regionen faktisch eine eucharistieausgedünnte Kirche zu riskieren.

Drittens wird nicht der Weg eingeschlagen, den viele für richtig halten, der sich aber als gemeinde-entwicklerische Sackgasse erweisen kann: die hauptamtlichen Laien zu hauptamtlichen Priestern zu weihen. Ein solcher Schritt würde die Gemeindeentwicklung eher verlangsamen als beschleunigen.

Immer größere Seelsorgeräume sind einfallslos

Viertens würde die Kirche vor allem in Regionen, in denen Priester fehlen, nicht damit fortfahren, die Seelsorgeräume entsprechend der schrumpfenden Zahl an Priestern immer größer zu machen und damit vor allem die Priester vom Alltagsleben der Menschen abzuziehen. Geht die Kirche solch einen administrativ einfallslosen Weg, betreibt sie selbst die nachhaltige Entkirchlichung solcher Regionen. Fünftens wäre dies auch ein Modell für Kirchengebiete, die arm sind und keine Dauereinkünfte wie die Kirchensteuer haben.

Im christlichen Raum ist diese Vielfalt von Priestern nicht fremd. Vor allem die anglikanische Kirche hat bereits vierzig Jahre Erfahrung mit solchen „Ordained Local Ministries“. Die Auswertung dieser Erfahrung zeigt, dass sie eine Bereicherung des kirchlichen Lebens darstellen.

Paul M. Zulehner ist einer der bekanntesten Theologen der Gegenwart. Der Priester gilt als Experte für Fragen der Pastoraltheologie und der Religionssoziologie. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze




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