Kamera läuft!
Am Mittwochabend strahlte der britische Fernsehsender Sky Real Lives den Selbstmord von Craig Ewert aus. Die Dokumentation „Recht zu Sterben“ zeigte die letzten Stunden und den Tod des ehemaligen Universitätsprofessors im September 2006. Craig Ewert war 59 Jahre alt und litt an einer unheilbaren Muskel- und Nervenkrankheit, die zu einer vollständigen Lähmung seines Körpers geführt hätte. Als sich die Krankheit beschleunigte, nahm er sich mit Hilfe der umstrittenen schweizerischen Sterbehilfeorganisation Dignitas das Leben. Dabei ließ er sich von Regisseur und Oscarpreisträger John Zaritsky filmen.
Der Tod als Doku-Soap, Sensationshascherei und Quotenlieferant? Der Sender lässt diesen Vorwurf nicht gelten. Man wolle das Tabu um das Thema Sterben brechen, heißt es, und Regisseur Zaritsky sieht in seinem Film einen „wichtigen Beitrag für die laufende Debatte“ um Sterbehilfe und einen würdigen Tod. Die Absicht mag gut gewesen sein, trotzdem wird der Film viele vor den Bildschirm gelockt haben, die sich einen besonderen Kick davon versprachen, einen „echten“ Tod in der Glotze zu sehen. Die bei Bier und Chips einen der intimsten Momente eines Menschen verfolgten. Allein der Gedanke ist zutiefst abstoßend!
Der Zuschauer bleibt auf Distanz. Er muss den Sterbenden weder riechen noch berühren
Der Tod hat in unserer Gesellschaft seine Natürlichkeit verloren. Er ist nicht mehr ein selbstverständlicher Teil des Lebens wie in früheren Generationen, als die Alten zuhause starben und aufgebahrt wurden. Aber das „Sterben im Fernsehen“ wird daran nichts ändern. Im Gegenteil: Dem Zuschauer wird ein schneller, „sauberer“ Tod geboten. Er bleibt auf Distanz, muss den Sterbenden weder riechen noch berühren oder ihn trösten. Es ist eine Flucht in Fernsehbilder, keine Annäherung an das Sterben.
Ganz abgesehen davon, kann der Selbstmord eines Todkranken nur wenig zu einer Diskussion um einen würdigen Tod beitragen. Selbstmord – so richtig diese Entscheidung für den Einzelnen sein kann – ist nicht die Alternative zum Tod auf der Intensivstation. Todkranke und Sterbende gehören nicht in die Hände geschäftstüchtiger Sterbehelfer! Sie brauchen Ärzte, die ihre Schmerzen lindern, und Menschen, die sie bis zum Ende begleiten. Wo Angehörige fehlen oder diese Aufgabe nicht übernehmen können, braucht es ausreichend Palliativstationen und Hospizplätze. Erst wenn wir Familienmitglieder und Freunde wieder in Ruhe sterben sehen, kann das Sterben wieder seinen Platz als Teil des Lebens einnehmen.
So traurig es ist: Mit den Schlagzeilen wird auch Craig Ewerts Tod wieder aus unserem Gedächtnis verschwinden. Ganz anders als der Tod von Johannes Paul II. Auch er ist öffentlich gestorben. Aber seinen Weg sind wir Stück für Stück mitgegangen, er hat uns berührt und uns gezeigt, wie würdevoll man sterben kann!
Rosina Wälischmiller