Keine Freiheit an der Uni
Der Papst kann einem manchmal wirklich leidtun. Da hat er eine große Rede vorbereitet, doch keiner will sie hören. So war es Anfang des Jahres in der Universität La Sapienza in Rom. Der Papst wollte eine Festrede halten, Studenten und Professoren protestierten dagegen, der Vatikan sagte Benedikts Auftritt schließlich ab. Der Hintergrund für den Widerstand: In Italien fürchten viele Scheuklappen-Laizisten, die Kirche würde sich zu sehr in den Staat einmischen – was würden sie erst angesichts der Vorgänge an der Eichstätter Uni sagen? Die katholische Universität gleicht seit mehreren Wochen einem komischen Kasperltheater. Wer Marionette ist und wer die Fäden zieht, kann kaum einer mehr sagen. Es herrscht Chaos pur.
Neuester Eklat: Der bisherige Kanzler Gottfried Freiherr von der Heydte wurde beurlaubt. Wie es mit ihm weitergeht, bleibt unklar. Über die Gründe konnte zunächst nur spekuliert werden, externe Wirtschaftsprüfer wurden hinzugezogen. Schließlich ließ die Universität per Pressemeldung verlauten, dass in der „jüngsten Vergangenheit konkret aufgetretene erhebliche Bedenken und Zweifel an der Transparenz der hochschulinternen Vorgänge“ die Gründe für die Beurlaubung von Heydtes gewesen seien.
Transparenz? Es verlangt schon eine gewisse Dreistigkeit, angesichts der Querelen um die gescheiterte Ernennung von Ulrich Hemel zum Präsidenten der Uni dieses Wort zu benutzen. Von „Transparenz“ konnte absolut keine Rede sein, es herrschte Verwirrung und Ratlosigkeit. Immerhin hat der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke nun eine kommissarische Führung eingerichtet, die für Ruhe an der Uni sorgen soll. Doch was ist das für eine Ruhe? Ein Ruhe, die mit harter Hand und ohne jede Absprache erzwungen werden soll. Für eine Uni, die mit ihrer familiären Atmosphäre wirbt, ist solch ein Vorgehen tödliches Gift.
Doppelmoralische Geheimniskrämerei
Sicher: Als Hausherren steht es Bischof Hanke ohne Frage zu, wichtige Entscheidungen zu treffen. Es mag auch sein, dass die Beurlaubung des bisherigen Kanzlers berechtigt war, wenngleich seine Kollegen dies verneinen. Doch all das ändert ohnehin nichts daran, dass die Kirche in Eichstätt ein Klischee von doppelmoralischen Geheimniskrämern bedient. „Transparenz“ – genau dieses Schlüsselwort fehlt in der Ernennungs-Posse. Es ist wie bei Max Frisch: Man kann einem die Wahrheit wie einen Mantel zum Hineinschlüpfen geben. Oder man kann sie dem anderen wie einen nassen Lappen ins Gesicht klatschen. Die Kirche ist in Eichstätt der Boss – diese Wahrheit hat sie den Studenten und Professoren sehr deutlich ins Gesicht geklatscht.
Die Rolle Roms in diesem Theater verwundert nicht viel weniger. Spätestens seit dem Debatten-Debakel an der La Sapienza müsste Benedikt sehr genau wissen, wie heikel die Situation an den modernen Lehreinrichtungen ist. Der Papst hat selbst erfahren, wie hart und schmerzhaft solche Proteste ausfallen können. Und dass es in jedem Fall nur Verlierer gibt. Bei der einzig katholischen Universität im deutschen Sprachraum versucht der Vatikan nun genau das, was ihm in Italien vorgeworfen wurde. Er behält es sich vor, mit einer Unbedenklichkeitserklärung die Führung der Uni nach Belieben zu bestimmen. Natürlich steht es außer Frage, dass die Kirche als Träger das gewichtigste Wort hat. Aber das bedeutet nicht, dass sie 120 Professoren und 4.200 Studenten wie kleine Kinder bevormunden darf. Denn das riecht nach Willkür. Nach ignorantem Machtanspruch. Und dann braucht sich Benedikt nicht zu wundern, wenn ihn auch in Eichstätt bald keiner mehr hören mag.
Simon Biallowons