Wenn es um einen vermeintlichen Schlag gegen die katholische Kirche geht, ist der „Spiegel“ bekanntermaßen immer zur Stelle. Die neueste Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins will mit seiner Titelstory die Kirche sogar „in eine ernsthafte Krise stürzen“: „Die Scheinheiligen –Die katholische Kirche und der Sex“ heißt die Geschichte um Missbrauch und Vertuschung. Acht Redakteure haben recherchiert, um zu belegen, dass die Kirche ein einziger Sumpf ist. Dass sie aber damit nichts anders tun, als einen billigen Voyeurismus zu befriedigen und altbekannte Vorurteile neu anzuheizen, scheint ihnen nicht bewusst zu sein.
Mangel an Respekt vor den Opfern
Sorgfältige Recherche mit dem Ziel einer objektiven Wahrheitsfindung sieht nämlich anders aus. Auch Respekt vor den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester spricht nicht aus der Gemengelage von Behauptungen und rhetorischen Suggestivfragen.
Niemand in der katholischen Kirche leugnet doch, dass es in ihren Reihen Täter gibt. Die aktuellen Debatten um die Missbrauchsfälle in Jesuitenschulen stellen dies unter Beweis. Dass der „Spiegel“ daraus einen Generalverdacht gegen die Institution Kirche strickt, passt in die mediale Welt, entbehrt aber jeder Grundlage.
Der „Spiegel“ schreibt: „Die Einzelfallthese der Amtskirche lässt sich bei bislang bundesweit mindestens 94 Verdächtigen nicht länger halten, darunter sind auch Laien-Mitarbeiter der Kirche…, Angestellte der Caritas oder ehrenamtliche Helfer.“
Die Personalstatistiken, die jeder problemlos im Internet nachblättern kann, widerlegen diesen Satz: In der deutschen katholischen Kirche gibt es 20.000 Welt- und Ordenspriester sowie Ständige Diakone, 9000 Gemeinde- und Pastoralreferenten, 30 000 Ordensleute, 520.200 hauptberufliche Caritas-Mitarbeiter, ebenfalls eine halbe Million Ehrenamtliche allein in der Caritas. Die ehrenamtlichen Kräfte in den Pfarreien und sonstigen kirchlichen Einrichtungen mitgerechnet, kommen noch einmal Hunderttausende dazu. Auch eine andere Zahl verschweigt der „Spiegel“: Seit 1995 hat es in Deutschland rund 210.000 polizeilich erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Ist da die Zahl von 94 Verdächtigen nicht doch verschwindend gering?
Konsequenterweise macht der „Spiegel“ die verkorkste Sexualmoral der katholischen Kirche und den Zölibat als Urheber für lüsterne Priester aus.
Der Spiegel schreibt: „Nur die Kirche hält an ihren jahrhundertealten Moralvorstellungen fest“. Weiter im Text: „Angesichts des Nachwuchsmangels nimmt die Kirche beinahe jeden, der sich entschließt, Priester werden zu wollen. Dass darunter immer mehr junge Männer sind, die den Priesterberuf auch deshalb reizvoll finden, weil sich dort ihre sexuellen Probleme scheinbar am besten kaschieren lassen, das wollen in der Amtskirche nur wenige wahrhaben.“
Offensichtlich ist keiner der acht „Spiegel“-Rechercheure auf die Idee gekommen, in einem Priesterseminar nachzuhaken. Sonst hätten sie sehr schnell herausgefunden, welch strenge Kriterien an die Kandidaten angelegt werden. Und dass in ihrer Ausbildung sehr wohl das Thema Sexualität eine Rolle spielt. Obendrein gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Fälle von Pädophilie unter Zölibatären häufiger vorkämen, als in sonstigen außerkirchlichen Personenkreisen. Auch davon will der „Spiegel“ nichts wissen.
Nur ein Punkt geht an den "Spiegel"
In einem hat der „Spiegel“ allerdings recht: Viel zu lange hat die katholische Kirche im Umgang mit Tätern eine verhängnisvolle Geheimhaltung praktiziert. Wenn dem „Spiegel“ aber an einer fairen Berichterstattung gelegen wäre, hätte er das massive Umdenken bis in die oberste hierarchische Spitze hinein zur Kenntnis nehmen müssen. Die Fürsorge für die Opfer hat demnach Priorität, nicht der Täterschutz.
„Die Amtskirche möchte die Leiden ihrer Opfer lieber nicht zum großen Thema machen. Sie passen nichts ins Weltbild der Scheinheiligen“, meint der „Spiegel“. Nach der Lektüre dieser „Enthüllungsstory“ stellt sich schon die Frage, wer hier eigentlich scheinheilig ist.
Marion Krüger-Hundrup (11.2.2010)