Es sind Tage der Hoffnung in bewegten Zeiten: Nach den erschütternden Schlagzeilen über sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, nach wochenlangem Rätselraten, ob wirklich sein kann, was eigentlich nicht sein dürfte, und nach der bitteren Erkenntnis, dass Kirchenmänner große Schuld auf sich geladen haben, setzt der Ökumenische Kirchentag ein klares Zeichen: »Damit ihr Hoffnung habt« ist überall in München auf orangen Fahnen zu lesen. Und das Motto ist Programm: Es geht um existentielle Fragen der Christen heute und in Zukunft. Was dürfen wir hoffen? Wie plausibel ist die christliche Hoffnung mit Blick auf die modernen Naturwissenschaften? Was sind die Grundlagen eines hoffnungsfrohen Lebens? Dass dabei »Hoffnung« alles andere als billige Vertröstung meint, zeigen die Veranstaltungen des ersten Tages in München: Es geht um die zentrale Frage, was es konkret bedeutet, heute in der Nachfolge Christi zu leben. Darum wird in München engagiert gerungen, kontrovers diskutiert und gestritten.
Ein bemerkenswertes Gespräch zum Auftakt des Kirchentages zeigt, wie spannend diese Diskussion um Glaubensfragen sein kann: Da spricht der streitbare Theologe Hans Küng von seiner Überzeugung, dass der christliche Glaube letztlich das »Vertrauen ins Leben« begründe und gerade auch in Zeiten persönlicher Krisen tragfähig sei. Und er bekommt Zuspruch ausgerechnet von einem Naturwissenschaftler, der als Professor für Astrophysik an der LMU in München mit Methoden der Vernunft nach den Ursachen der Welt forscht: »Na klar glaube ich an Gott, was sollte ich denn sonst tun«, sagt Harald Lesch. Es sei eben gerade nicht die Aufgabe der Naturwissenschaft, »die Welt zu entzaubern«, sondern herauszufinden, »was die Welt ist«. Der Zweifel als »wissenschaftliche Methode« helfe ihm dabei, immer wieder zu überprüfen, wie die überlieferten Texte der Bibel zu interpretieren seien: »Mein Glaube muss meinem Wissen standhalten«, sagt der 49-jährige Protestant. Und er erntet großen Beifall der über 6.000 Zuhörer in der überfüllten Messehalle, als er die »Angst als bestimmendes Lebensgefühl« in unserer Gesellschaft beschreibt und hier die große Chance der Kirchen sieht: »Wir müssen uns wieder stärker mit der Lebenssituation der Menschen auseinandersetzen, mit ihren konkreten Fragen, Sorgen und Nöte«.
Auch Hans Küng plädiert dafür, aus christlicher Sicht wieder mehr die drängenden Fragen der Welt in den Blick zu nehmen: »Dann kommen uns die Probleme unserer Kirchen fast lächerlich vor.« Aber Küng versäumt es auch zum Auftakt des Kirchentages nicht, klare Kritik am Kurs seiner Kirche zu üben und Reformen zu fordern: »Wir sind heute in der ganz schlimmen Situation, dass das römische System morsch geworden ist und dass es so nicht weiter geht.« Er wünsche sich, dass die Laien klar aussprechen: »Wir nehmen das nicht weiter hin!« Konkret könne er es nicht verstehen, warum die gegenseitige Einladung zur eucharistischen Mahlgemeinschaft so lange auf sich warten lasse: »Warum gibt man uns gewöhnliches Brot, wenn wir das eucharistische Brot haben könnten?« Bisher habe ihm noch kein Papst, Kardinal oder Bischof plausibel diese Frage beantworten können. Großer Beifall in der Messehalle – es liegt ein Hauch von Reformation in der Luft.
Martin Pröstler (14.5.10)