Kunst oder Kommerz?
Zugegeben, auf den ersten Blick hält sich die Zahl der Gemeinsamkeiten zwischen der Nürnberger Rostbratwurst und dem Christkind in Grenzen. Bei näherer Betrachtung drängt sich aber doch eine Parallele auf. Wurst wie Kind sind starke Symbole – ersteres für die kulinarische Qualität der fränkischen Küche, das andere stellt die christlich-europäische Verkörperung des Weihnachtsfestes dar. Marktpolitisch betrachtet hat die Rostbratwurst allerdings noch klar die Nase vorn, zumal die sieben bis neun Zentimeter lange Spezialität seit dem Jahr 1573 im Handel ist, wohingegen das Christkind, zwar auch ein Klassiker, aber – sorry – erst vor kurzem auf den Markt geworfen wurde. Und zwar von einem gewissen Ottmar Hörl in einer Plastikversion.
Ein Christkind – nicht für Kinder, sondern für Sammler
Nähere erkennungsdienstliche Kennzeichen: 30 Zentimeter groß, wallendes Haar, Krone auf dem Haupt, mit güldener Farbe verziert. Zu erwerben zum Preis von 30 Euro, für besonders Kunstsinnige auch als limitierte, handsignierte Sonderedition für 59 Euro zu haben. Erwähnen sollte man noch, dass es sich nicht um irgendein Nullachtfünfzehn-Christkind handelt, sondern um das Nürnberger, seines Zeichens Aushängeschild des dortigen Christkindlesmarktes, zu dem alljährlich mehr als zwei Millionen Besucher aus aller Welt pilgern. Und diese werden dort Zeuge, wenn traditionell am letzten Freitag vor dem ersten Advent, Punkt 17.30 Uhr, von einer Empore herab eine engelsgleiche Gestalt den Markt eröffnet, weiblich und rauschgolden. Genauso wie sich viele das Christkind vorstellen, seit Martin Luther die Figur als Gabenbringer erfand und diese ab dem 19. Jahrhundert auch in der katholischen Welt den Nikolaus in dieser Funktion ablöste.
„Die Christkindfigur ist die Botschafterin der Weihnachtsstadt Nürnberg, die Gäste dauerhaft an ihren Besuch auf dem Christkindlesmarkt erinnern wird“, vermeldete stolz das Rathaus, das den Künstler mit der Arbeit beauftragt hatte. Dies auch mit dem Hintergedanken, einen Teil des Verkaufserlöses in den weiteren Ausbau der Weihnachtsbeleuchtung fließen zu lassen. Ein Beispiel, das angesichts der knappen Kassen vieler Städte und Kirchengemeinden durchaus Schule machen könnte.
Ein Markt mit Potenzial
Folgende Nachfolgedelikte, Verzeihung, Nachfolgeprodukte mit Figuren aus der christlichen Geschichte und Symbolik drängen sich auf: etwa die „Israel Heroes“, bestehend aus den Helden Noah, Moses, David und natürlich Jesus persönlich nebst Jüngern; als Bösewichte denkbar: Goliath, Herodes, Judas, Pontius Pilatus und der Teufel alias Darth Devil. Oder wie wär´s mit einer moderneren Version – einer „Papst World“ etwa mit einem Benedikt XVI.-Plastikfigürchen nebst Papa Mobil zum Zusammenbasteln und Schweizer Garde?
Ein Markt mit Potenzial also, renditeträchtig, krisenfest und unabhängig von saisonalen Phänomenen wie Weihnachten. Apropos. Haben eigentlich die Nürnberger schon die passende PR-Strategie zur Christkind-Vermarktung? Wie wär´s denn mit einer Abwandlung der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium: „Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Nürnberger Heiland geboren. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Plastik gegossen und in Kaufregalen stehen.“
Klaus Späne