Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Leben retten oder töten?

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Freitag, 18. Mai 2012 Felix, Burkhard
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glaubenslust – Der Tag

 

Leben retten oder töten?

In Deutschland wird das Thema seit Jahren emotional diskutiert: 2008 hatte der Bundestag die Regelung zur embryonalen Stammzellenforschung gelockert, was von Wissenschaftlern natürlich begrüßt, von religiösen Kritikern aber strikt abgelehnt wurde. Skurril: Beiden Seiten geht es darum, Leben zu retten.
Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten, stellte sich hinter die Forscher und versprach finanzielle Unterstützung. Wird dieser Schritt Konsequenzen für Deutschland haben? Was wird mit dieser Forschung überhaupt bezweckt, und worin bestehen die Bedenken der Kirche? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was sind embryonale Stammzellen überhaupt?

Die Zellen finden sich nach der Befruchtung in mehrzelligen menschlichen Embryos. Es handelt es sich um Zellen, die noch nicht "ausdifferenziert" sind. Durch die Teilung der identischen Zellen bilden sich später die rund 200 verschiedenen Zelltypen des Menschen (z. B. Nieren-, Leber- oder Hautzellen, etc.) und somit der neue Organismus heraus. Aus den embryonalen Stammzellen können sich hingegen noch alle Zelltypen entwickeln, sie sind also sozusagen noch "zu allem fähig".

Woher nimmt die Forschung die Zellen?

Die embryonalen Stammzellen werden in der Regel bei der künstlichen Befruchtung gewonnen, wenn sie für eine Schwangerschaft nicht mehr benötigt werden. Die überschüssigen Zellhaufen können je nach Gesetzgebung zu Forschungszwecken genutzt werden.

Wofür ist dieser Forschungszweig gut?

Gezielte Entwicklung könnte dazu beitragen, dass mithilfe dieser Stammzellen künftig krankes Gewebe ersetzt wird: indem z. B. die Differenzierung zu einem bestimmten Zelltyp hin gesteuert wird. Die große Hoffnung besteht darin, Krankheiten wie Diabetes, Parkinson oder Herzinfarkt heilen zu können. Eine Hoffnung, die etwa der an Parkinson erkrankte US-Schauspieler Michael J. Fox teilt: "Wir betteln nicht um Mitleid. Wir sind einfach entschlossen, mit dieser Wissenschaft etwas zu bewegen. Und da hat sich lange nichts getan."

Warum ist bei Obamas Beschluss von einem "Kurswechsel" die Rede?

Amerikanische Stammzellenforscher gehörten bereits in den vergangenen Jahren zu den besten der Welt – aber sie bekamen eben keine öffentlichen Gelder. Obamas Vorgänger George W. Bush hatte diese aus ethischen Gründen untersagt.

Warum ist der Vatikan dagegen?

Die Embryonen ähneln äußerlich noch in keiner Weise einem Menschen, Fakt ist aber: Würde man sie nicht ihrer Zellen berauben, könnten sie theoretisch zu einem Menschen heranwachsen. Für religiöse Kritiker ist das ein Tabubruch, da hier Leben, das bereits besteht, weggeworfen wird. US-Kardinal Justin Rigali spricht deshalb bei Obamas Entscheidung von einem "traurigen Sieg der Politik über Wissenschaft und Anstand". Der Schritt fördere "die Zerstörung des unschuldigen menschlichen Lebens" und behandele schutzlose Menschen als "bloße Produkte, die man ernten kann". Der Vatikan stellte sich in vollem Umfang hinter die Kritik der US-Bischöfe. Die jetzt breiter zugelassenen Experimente widersprächen "der menschlichen Würde, die jeder Embryo besitzt", sagte der Chef der Päpstlichen Akademie für das Leben. Befürwortet wird von der katholischen Kirche nur die Forschung an adulten Stammzellen, weil diese nicht die Zerstörung von Embryonen erfordert.

Wie reagiert Obama auf ethische Bedenken?

"Kliniken für künstliche Befruchtung bewahren Hunderttausende Embryonen auf, die früher oder später zerstört werden. Es ist ethisch vertretbar, diese überschüssigen Embryonen für die Forschung zu nutzen, wenn sie freiwillig zu diesem Zweck gespendet werden", hatte Obama bereits im vergangenen Jahr erklärt. Es gehe nicht um eine "falsche Wahl" zwischen Moral und Wissenschaft, sondern um Heilungschancen für kranke Menschen.

Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland ist es verboten, menschliche Embryonen für Forschungszwecke herzustellen, zu klonen oder zu zerstören (Embryonenschutzgesetz). Erlaubt ist aber, an importierten embryonalen Stammzellen zu forschen, wenn sie vor dem 1. Mai 2007 gewonnen (Stichtagsregelung) und ohne finanzielle Gegenleistung zur Verfügung gestellt wurden. Die Stichtagsregelung soll verhindern, dass der Bedarf in Deutschland durch ausländische Lieferanten gedeckt und die Wirkung des Verbots umgangen wird.

Diese "Lösung" wird aber natürlich heiß diskutiert und erscheint vielen nur als Verdrängung des eigentlichen Problems. Andere fordern weitere Lockerungen, damit Deutschland den Anschluss an die Forschung nicht verpasst. Einen Kurswechsel wittert jetzt etwa die FDP: "Wenn ein tiefreligiöses Land wie die USA die Forschung an embryonalen Stammzellen staatlich fördert, brechen Argumentationslinien der Forschungsgegner in Deutschland zusammen", hieß es von der forschungspolitischen Sprecherin Ulrike Flach. Eine Sprecherin des Bundesforschungsministeriums winkte aber bereits ab: Es gebe keinen Grund, an der deutschen Gesetzgebung zu rütteln.

Wie sicher ist es, dass die Forschung was bringt?

Echte Erfolge könnten laut Experten noch Jahrzehnte auf sich warten lassen. Auch Obama betonte, er könne nicht garantieren, ob diese Forschungsrichtung die Hoffnungen auf Durchbrüche bei der Heilung schwerer Krankheiten erfülle: "Ich kann aber versprechen, dass wir es versuchen werden – aktiv, verantwortungsbewusst, und mit der nötigen Dringlichkeit, um verlorenen Boden gutzumachen." Das allein reicht momentan allerdings nicht, um die ethischen Bedenken der Kritiker auszuräumen.




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