Lehrmeister Lincoln
Was verbindet die Pilgerväter der USA und die ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, mit dem Staatsoberhaupt der mächtigsten Nation auf der Erde heute? Es ist in einem besonderen Maße die Kontinuität des Glaubens. Nicht von ungefähr legte Barack Obama bei seiner Amtseinführung die Hand auf jene Bibel, auf die schon sein von ihm verehrter Vorgänger, Abraham Lincoln, den Amtseid abgelegt hat.
Zwar sehen sich die USA als säkularer Staat, die Verwurzelung der Staatsräson im Protestantismus ist aber allgegenwärtig. Samuel Huntington begann sein letztes viel beachtetes Buch über seine Nation mit der Frage „Who are we?“ – Wer sind wir? In der Antwort auf diese Frage reservierte er einen großen Platz für den protestantischen Glauben und die daraus erwachsene Ethik als bestimmendes Element amerikanischen Selbstverständnisses.
In welchem europäischen Land gibt es ein Nationales Gebetsfrühstück? In welchem Land wird direkt bei der Amtseinführung des Staatsoberhaupts oder des Regierungschefs bei der Vereidigung gebetet? Die Gebets-Zeremonie soll zumindest einen interkonfessionellen Ansatz haben. Das ist seit Jahren nicht mehr der Fall. Bei der Amtseinführung Obamas haben sich unter anderem die Katholiken zurückgesetzt gefühlt, weil sie wieder einmal nicht berücksichtigt wurden und das Feld sowohl einem evangelikalen als auch einem episkopalen Geistlichen überlassen mussten.
Der Glaube der Gründerväter bleibt die Richtschnur im Amerika des 21. Jahrhundert
Abraham Lincoln, dessen Geburtstag sich am 12. Februar zum 200. Mal jährt, dient dem aktuellen Amtsinhaber als Vorbild: Genau wie Lincoln hat er sein Kabinett mit Vertrauten, aber auch mit politischen Opponenten besetzt. Die Ernennung Hillary Clintons ist das beste Beispiel dafür. Barack Obama setzt wie Abraham Lincoln auf den Dialog und den Wettstreit der Argumente.
Und wie ist es im Hinblick auf die Religion? Dass die Bibel Lincolns eine zentrale Rolle während der Vereidigung gespielt hat, gibt darauf eine Antwort. Amerika soll auch unter Barack Obama „One Nation under God“ bleiben. Der Glaube der Gründerväter bleibt die Richtschnur im Amerika des 21. Jahrhundert.
Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero