Leiden am Überfluss
Bankenpleiten, Finanzkrise, Verluste, drohende Rezession: Das sind die Schlagworte, die uns zurzeit Tag für Tag um die Ohren fliegen. Die Zahlen dahinter sprengen jedes Vorstellungsvermögen. Es geht um Millionen, Milliarden, Billionen. Die ganze Welt – so scheint es – ist nur noch damit beschäftigt, Geld zu zählen und Wunden zu lecken. Die Wunden einer Wohlstandsgesellschaft wohlgemerkt.
Hier geht es um den Verlust fiktiver Gewinne, dort geht es um Leben und Tod
Denn es gab in den letzten Wochen auch andere Nachrichten. Mitte Oktober wurde der Welthungerindex 2008 veröffentlicht. Danach leiden weltweit fast eine Milliarde Menschen an Hunger. In 33 der untersuchten 88 Ländern ist die Situation "sehr ernst" bis "gravierend". Auch hinter diesen Meldungen stehen Zahlen, die unbegreiflich sind. Es geht um 50 Cent und einen Dollar! Mehr als 900 Millionen Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag, viele davon müssen mit weniger als einem halben Dollar auskommen.
Hier geht es größtenteils um den Verlust fiktiver Gewinne. Dort geht es um Leben und Tod. Den Tod von jährlich 10 Millionen Kindern beispielsweise, während uns die Finanzkrise nicht wirklich ärmer machen wird.
Es ist an der Zeit den Katzenjammer zu begraben und die Verhältnisse wieder zurechtzurücken! Unsere Misere ist eine sehr komfortable! Wir sind Opfer der Globalisierung geworden. Aber wir sind privilegierte Opfer. Wir verlieren schlimmstenfalls ein bisschen von unserem Überfluss. Trotzdem befürchten Hilfsorganisationen angesichts der Finanzkrise einen Rückgang der Spenden und stellen sich auf Engpässe ein. Schon das vage Gefühl, in Zukunft vielleicht auf etwas verzichten zu müssen, wird unsere Nächstenliebe nämlich vermutlich bremsen. Jetzt heißt es erst einmal das eigene Scherflein ins Trockene zu bringen! Doch das wird nicht funktionieren. Wer’s noch immer nicht glaubt, hat aus der Krise nichts gelernt. Leben auf Kosten anderer ist in der globalisierten Welt nicht mehr möglich, ebenso wenig wie Gewinne auf Kosten anderer.
Eine Krisenbewältigung, die nur die Finanzkrise im Blick hat, nützt nichts
Eine Krisenbewältigung, die nur die Finanzkrise im Blick hat, wird deshalb nichts nützen, solange die Hungerkrise weiterschwelt. Die ist nicht nur eine Schande für die Welt, sondern ihre Auswirkungen werden uns eines Tages weit härter treffen, als das, was wir jetzt erleben. Daran sollten nicht nur die Krisenmanager von Regierungen und Banken denken, wenn sie von Gipfeltreffen zu Gipfeltreffen hasten, sondern auch jeder einzelne von uns, der in diesen Zeiten nach einer zukunftssicheren und rentablen Geldanlage sucht.
Rosina Wälischmiller