Lernen, was andere glauben
Eigentlich ist es eine ganz einfache Sache: Was man nicht kennt, sollte man kennen lernen, bevor man ein Urteil darüber fällt. Und: Es ist immer besser, miteinander zu sprechen als übereinander. Das stimmt für Alltäglichkeiten ebenso wie für Religionen. Grundschüler aus München machen dies den Großen gerade vor. Die Viertklässler der Hirschbergschule aus München-Neuhausen besuchen acht Wochen lang gemeinsam den Religionsunterricht statt wie sonst üblich getrennt nach ihren Konfessionen. Also unabhängig davon, ob ein Kind katholisch, muslimisch, evangelisch, konfessionslos oder anderweitig gläubig ist: Alle lernen zusammen ihre Religionen kennen. Dazu gehören Unterrichtsstunden durch den katholischen Pfarrer genauso wie durch Mitarbeiter des Interkulturellen Dialogzentrums. Und natürlich ein Besuch des muslimischen Mittagsgebets ebenso wie eine Kirchenführung.
Wer einmal ein muslimisches Gebet besucht hat, wird sofort beeindruckt sein von dem Respekt, der Allah entgegen gebracht wird: Wer am Eingang seine Schuhe auszieht, die rituellen Waschungen durchführt und zum Gebet den Kopf bis auf den Boden neigt, für den muss Allah etwas Besonderes sein – das können auch schon Kinder verstehen. Und umgekehrt wird jeder kleine Muslim die feierliche Atmosphäre einer Kirche spüren, die eindrucksvollen Bilder und Statuen bestaunen, die Kerzen, das Glockengeläut. Und Konfessionslose erhalten vielleicht eine Ahnung davon, was den anderen heilig ist – und warum.
Diese Erfahrung schon Grundschülern zu ermöglichen, ist richtig und wichtig. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Es gibt viele unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Religionen. Je früher ein gegenseitiges Kennenlernen des Glaubens stattfindet, umso resistenter sind die Kinder gegen Hassprediger, die Andersgläubige als Ungläubige diffamieren wollen. Ein konfessionsübergreifender Religionsunterricht ist praktizierte Integration. Und die kann auf Dauer nur gelingen, wenn dafür bereits im Kindesalter Verständnis und Akzeptanz geweckt werden.
Simone Hilgers-Bach