Vor Gott sind alle Menschen gleich. Wir kennen das aus der Bibel. Auf der Erde ist das nicht so. Wir kennen das aus dem täglichen Leben. Von der Schweinegrippe zum Beispiel. Ist es in Ordnung, dass Angela Merkelfrüher gegen die Schweinegrippe geimpft wird als wir Normalsterblichen? Und was ist mit Außenminister Steinmeier, der zwar am 27. September gern die Nummer 1 auf der Impfliste werden will, aber vermutlich nicht mal mehr zu einer Risikogruppe gehören wird? Mit Kopfschütteln und Unverständnis haben viele auf die Ankündigung der Bundesregierung reagiert, wonach die Kanzlerin und ihr Kabinett möglichst rasch mit dem Impfstoff gegen H1N1, wie der Krankheitserreger korrekt heißt, versorgt werden sollen. Schumis Fast-Comeback in der Formel 1 und Ulla Schmidts Dienstwagen-Trip nach Spanien drängten die Debatte darüber allerdings in den Hintergrund, so dass sich schließlich niemand mehr für die illustren Impfkandidaten interessierte. Wie überhaupt die Epidemie in den vergangenen Wochen zur Normalität geworden und nach der ersten medialen Hysterie erst völlig aus den Schlagzeilen verschwunden und dann nur ganz sachte wieder aufgetaucht ist.
Wirkt die Impfung überhaupt?
Dabei könnte im Herbst oder Winter eine weitere Erkrankungswelle auf uns zukommen. Rund 80 Prozent der bisherigen Infektionen seien importiert, sagen die Experten. Mit den Urlaubsrückkehrern werden die laut Robert- Koch-Institut bislang in Deutschland bekannten rund 9000 Fälle in neue Höhen katapultiert. Und bei all dem ist unsicher, welche Wirkung der Impfstoff entfaltet, der zurzeit in den Laboren getestet wird und Ende September, Anfang Oktober einsatzbereit sein soll.
Trotzdem raten die Experten zum Impfen, nach vorheriger Arzt-Konsultation. Gleichzeitig warnen sie aber davor, in Panik zu verfallen – trotz der von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufenen Pandemie. Es scheint, als wüsste niemand so recht, ob man jetzt Angst haben muss vor der Schweinegrippe oder nicht.
Trotzdem sind einige Industriestaaten vorgeprescht und haben sich ohne Rücksicht auf weniger zahlungskräftige Entwicklungsländer beim globalen Wettlauf um das künftige Serum schon einmal den Löwenanteil gesichert. Natürlich ist es verständlich, dass Staaten ihre Bürger schützen wollen, und auch, dass Menschen, die ein Land regieren, besonders geschützt werden müssen. Ein wenig mehr Fingerspitzengefühl hätte den Industrieländern aber gut zu Gesicht gestanden – der Bundesregierung auch. Denn es bleibt der Eindruck einer Business-Class-Impfung.
Klaus Späne