Dancing am Dom
Minden ist durch, viereckige Häuser flitzen vorbei, an der Bahnstrecke stehen einige Kühe. Der Zug ist leise, viel leiser als normale Pendlerzüge. Das ist komisch. Komisch, weil beim Umsteigen in Hannover Frauen mit Koffern, Männer mit Rucksäcken und Jugendliche mit Sporttaschen eingestiegen sind. Am Bahnsteig lärmten sie, lachten, freuten sich. Freuten sich auf das gemeinsame Ziel: Osnabrück. Oder besser noch: Sie freuten sich auf den 97. Deutschen Katholikentag.
Jetzt lärmt keiner. Stattdessen herrscht Ruhe. Nicht die oft bemühte Ruhe vor dem Sturm. Sondern eine Ruhe, in der sich alle noch einmal sammeln. Sammeln für fünf Tage voller Gebete und Gespräche. Voller Stille und Staunen. Voller Begegnungen und Begeisterung.
Die Zugtür schwingt zur Seite, ich wuchte meine Tasche nach draußen. Und staune das erste Mal: Endlich sind die blauen Katholikentags-Farben da. Kappen, Schals, Tücher – die Menschen um mich herum sind bereit. Sie wollen, dass das Glaubens-Happening beginnt. Die meisten zumindest. Der Taxifahrer auf dem Weg in die Stadt nicht. „Nicht so mein Ding“, brummt er. „Ist zu viel Aufwand.“ Willkommen in Osnabrück! Willkommen zum Katholikentag!
Auch bei der anschließenden Busfahrt hält sich die Begeisterung noch in Grenzen. Es ist, als warte Osnabrück noch auf das Zeichen, loslegen zu dürfen. Als traue man immer noch nicht der Tatsache, dass eine so kleine Stadt Gastgeber dieses Ereignisses sein darf. Als könnten die Tausenden von Besuchern am Stadtschild es sich noch anders überlegen, und doch lieber einen Ausflug an die Ostsee machen. Doch es will keiner an die Ostsee. Sondern an den Dom. Denn dort beginnen die fünf Tage. Dort startet er endlich, der Katholikentag.
Das Kribbeln der Vorfreude
Die Straßen zum Dom sind weniger voll, als befürchtet. Natürlich: Je näher man dem großen Platz, eingerahmt von Bäumen und langgezogenen, alten Gebäuden kommt, desto dichter wird die Menge. Und immer häufiger tauchen diese Bilder auf: die kleinen Jungen mit blauen Mützen und Zahnlücken auf dem Geländer, die altgewordenen Schwestern in ihrer Ordenstracht, das junge Pärchen aneinander gelehnt auf einer Decke am Boden. Das sind die Bilder, die verraten: Hier findet bald ein großes Fest statt. Die in mir ein Kribbeln der Vorfreude erzeugen und eine Spannung, die mit jedem Lied zunimmt. Ich merke ganz deutlich: Diese Stadt will feiern.
Eine Stunde später. Katharina Höhn bahnt sich erschöpft den Weg durch die Menge. Auf ihrem Rücken trägt sie einen großen Rucksack, eine Jakobswegmuschel baumelt daran. In ihren dicken, braunen Wanderschuhen stapft sie über das Pflaster, bahnt sich durch die Menge einen Weg zum Dom. Mit links streicht sie eine Haarsträhne zur Seite, mit rechts hält sie einen Stab hoch. Es ist ein besonderer Stab, einer der 72 Pilgerstäbe, die vor einem Jahr ausgesandt wurden. Sie wurden durch das ganze Bistum getragen, bis sie heute hier sind. „Ich habe die Weite schon erfahren“, ruft Katharina. Und strahlt hinter ihren Brillengläsern: „Ich freue mich tierisch. Ich kann es kaum erwarten, bis es losgeht.“ Muss sie auch nicht.
Grüße vom Papst
Katharina kommt nämlich gerade vom Gebet aus dem Dom zurück, da rechts neben ihr betritt Erzbischof Dr. Jean-Claude Pérriset die Hauptbühne. Der apostolische Nuntius überbringt die Grußworte Benedikt XVI. Links auf der großen Leinwand wird das Bild Benedikts eingeblendet, die Stimme des Nuntius klingt ähnlich dünn wie die des Papstes. Pérriset spricht von der „Weite“ und „Gott“, die Jungen mit den blauen Mützen stimmen „Ole, Ole, Ole“ an – „Pssst“, unterbricht vorwurfsvoll eine Dame mit Rosenkranz und einem Klappstuhl. Hier auf dem Katholikentag treffen unterschiedliche Alter, unterschiedliche Arten zu feiern und unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Doch sie alle merken eines: Die Stimmung steigt.
Spätestens jetzt nämlich dient das Wort „Katholikentag“ als Jubel-Auslöser. Wann immer es Moderator Abeln anstimmt – Osnabrück beginnt zu feiern. Sich, die Gäste und die nächsten fünf Tage.
Das Gefühl von Zusammengehörigkeit, die Verbindung im Glauben sind die prägenden Erlebnisse eines solchen Festes. Man kann sich fallen lassen, einfach singen und feiern. Auch wenn das Fest in Osnabrück noch gar nicht richtig läuft, so beginne ich genau das zu spüren. Die Hauptgruppe aschira aus Meppen jazzt den offiziellen Song „Du führst uns ins Weite hinaus“, der Vater mit dem blonden Sohn auf den Schultern wippt neben mir mit. Als der WM-Hit-2006 „Was wir alleine nicht schaffen“ aus dem Boxen dröhnt, singen alle auf dem Platz. Und nicht auf dem Platz. In den angrenzenden Häusern sind alle Fenster geöffnet, Banner mit „Herzlich Willkommen“ wehen mit bunten Vereinsstandarten in der Menge um die Wette. „Platz überfüllt“-Schilder müssen aufgestellt werden, die Absperrungen dürfen endlich ihren Zweck erfüllen. Spätestens jetzt ist klar: Leute wie der Taxi-Fahrer sind die Ausnahme hier.
Gegen sieben Uhr endet dieser Auftakt. Dr. Franz-Josef Bode hat „seine“ Gäste begrüßt, er ist als Osnabrücker Bischof praktisch der Hausherr. In seiner Rede hat Bode außerdem ein inoffizielles Motto vorgegeben: „Wenn hier, wo dann? Wenn nicht du, wer dann?“ Ein Motto, das an das WM-Handball-Lied der „Höhner“ von 2007 angelehnt ist. Das damals Freudentaumel und Gefühlsexplosionen auslöste. Explosionen, wie sie heute in Osnabrück noch nicht zu sehen waren – aber dafür in den kommenden Tagen möglich scheinen. Und ich darf dabei sein.