Erst jaulen, dann jubeln
Ich ärgere mich ein wenig. Draußen in der Kirchenmeile geht langsam die Post ab, das herrliche Wetter bringt Sommer-Festival-Laune. Im Schlossgarten nahe der Stadthalle haben sich einzelne Besuchergruppen hingelegt. Sie lachen, einige wenige singen. Von rechts hinten erklingt fremdländische Musik aus den Katholikentag-typischen Pagodenzelten, der Grillduft zieht herüber. „Einfach herrlich“, seufze ich. Und drehe mich um. Ich muss wieder rein. Rein in den Kongressaal der Stadthalle. Eine „Impulsveranstaltung“ mit dem Titel „Du führst uns hinaus ins Weite – Mit der Hoffnung des Glaubens in die Zukunft der Welt“ wartet auf mich. Um Hoffnung, Glaube und Zukunft soll es also gehen. Mit dabei sind Bischof Franz-Josef Bode, taz-Chefredakteurin Bascha Mika, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. „Wenigstens Promis“, murmel ich und stapfe die Treppe etwas missmutig nach oben. Und erkenne, dass sich das einige hundert andere Menschen auch gedacht haben. Der Saal ist voll. Mit ein bisschen Glück ergattere ich trotzdem einen Platz und kann gerade noch meinen Rucksack verstauen, als alle um mich herum zu klatschen beginnen.
Christian Wulff tritt durch die Tür, Bischof Bode bekommt wenig später seinen Applaus. Was dann folgt, verwirrt mich zunächst. Ich hatte auf eine fetzige Diskussion zwischen der Linken Bascha Mika und dem Konservativen Wulff gehofft. Doch Wulff will nicht streiten. Mika kann noch so oft auf Politiker schimpfen – Wulff nickt nur freundlich, hat Verständnis und flüchtet sich immer öfter in Luftblasen wie: „Aber es wird doch besser“. Eines allerdings macht Wulff brillant: Immer wieder bezieht er sich auf Katholiken und Kirche. Auf Glauben und Gesellschaft. Bis er ruft: „Je mehr wir Christen uns engagieren, desto mehr können wir das Land voranbringen“ – Stimmung genau getroffen, Herr Ministerpräsident.
Impuls mit starkem Fundament
Ganz anders beginnt der zweite Teil mit dem Hauptimpuls von Franz-Josef Bode. Der Bischof spricht über den Begriff der „Weite“, er lehnt sich stark an den Theologen Karl Rahner an. Die Offenheit des Menschen auf Gott hin, die ständige Selbstüberbietung als Berühren und Berührtwerden durch Gott, liefern das Fundament für Bodes Vortrag – ein wirklich starkes Fundament. Auch das Konzept, mit sieben Thesen die Hoffnung des Glaubens und die Anforderungen an die Kirche zu erläutern, überzeugt – nur nicht die letzte Rednerin: Dorothea Zschätzsch. Die Studentin nutzt die Bühne für eine geballte Ladung von „Ich wünsche“, „Ich erwarte“ und „Ich hoffe“. Sie wünscht Frauen in sämtlichen kirchlichen Ämtern, sie erwartet die Zulassung von Schwulen und Geschiedenen zu allen Sakramenten, sie hofft auf eine einfachere Sprache in der Predigt. Die Quittung für diesen maßlosen Maßnahmenkatalog: Applaus. Donnernder Applaus. Der Katholikentag ist auch ohne offizielle Ausschreibung ein „Katholikentag von unten“. Ich teile nicht alle Ansichten – aber die offene Stimmung hier begeistert mich zunehmend.
Übrigens: Ganz zum Schluss kommt doch noch richtig Tempo in die Runde. Mika hatte gerade die mangelnden Reformen der Kirche kritisiert, da mahnt Wulff zu Geduld: „Die Kirche denkt eben in Jahrtausenden, wo wir in Legislaturperioden denken.“
Mika entgegnet spitz: „Machen wir es doch umgekehrt: Wenn Sie als Politiker etwas langfristiger denken würden und die katholische Kirche etwas in Schwung käme – das wäre etwas!“ Aufschlag, Return: So muss es sein. Gegen halb vier laufe ich zufrieden die Treppen runter.
Teil 1: Märchen-Musik
Teil 3: Gespräch mit Promi-Pater