Weit geworden
Wehmut und Erleichterung, Melancholie und Gelöstheit: Die Stimmung der letzten Stunden beim Katholikentag in Osnabrück ist schwer zu beschreiben. Wie immer bei solch großen Veranstaltungen. Denke ich an die vier Tage zurück, dann weiß ich jetzt schon: Ich werde den Stress und die Hektik, vor allem aber die Stimmung und Heiterkeit vermissen. Die Anspannung, die mich befallen und während der Tage begleitet hat, verabschiedet sich langsam. Vor allem aber werde ich eines vermissen: Die unglaubliche Dynamik, die ich zwischen den Zelten, in den Sälen und auf den Bühnen erlebt habe. Eine Dynamik, die Erzbischof Robert Zollitsch beim Schlussgottesdienst in seiner Predigt aufgegriffen hat. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz brachte mit ihr das Thema das Katholikentages, „Du führst uns ins Weite“ in Verbindung. Zollitsch betonte, dass Gott allein ins Weite führt. Und dass deshalb nur ihm der Vorrang zukommt. Dieser Vorrang könne allerdings nicht bedeuten, dass man sich zurückziehe und seine Pflichten in der Welt vernachlässige. Im Gegenteil: „Vor Gott kann ein Leben auf Kosten anderer nicht bestehen. Du führst uns hinaus ins Weite – das ist Zuspruch und Anspruch zugleich. Das ist Gabe und Aufgabe in einem.“ Mit dieser Aufforderung zum Vertrauen auf Gott, aber eben auch zur aktiven Teilnahme in der Welt schloss Zollitsch die letzte Predigt des 97. Deutschen Katholikentages. Er mahnte damit eine Teilnahme an, die in den letzten Tagen an allen Stellen zu erkennen und erleben war.
Schlag in die Magengrube
Osnabrück war ein guter Gastgeber. Auch wenn man Probleme nicht leugnen kann. Geschlossene Kirchen, in denen eigentlich noch Platz wäre, sind ein Schlag in die Magengrube für jeden Gläubigen. Ein Abschlussgottesdienst, bei dem die Würdenträger wegen des Fernsehens einem Großteil der Gläubigen nur den Rücken zeigen, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Ticketpreise schließlich, die für manche Großfamilie nur schwer zu entrichten waren, passen nicht in das „Alle sind Willkommen“-Bild. Doch insgesamt hat Osnabrück seine Aufgabe sehr gut gemeistert. Durch die kurzen Wege entstand wirklich das Gefühl eines engen Miteinanders. Das Programm zeigte alle Facetten des kirchlichen Lebens, ohne notwendige politische und gesellschaftliche Fragen auszublenden. Dazu ein reiches Angebot an spirituellen Erfahrungen – ob christlich oder jüdisch, buddhistisch, muslimisch oder hinduistisch. In erster Linie aber wird eben die Teilnahme der Menschen am Katholikentag im Gedächtnis bleiben. Gerade die Osnabrücker haben mit großer Offenheit und Freundlichkeit auf ihre Gäste reagiert. Die hohe Bereitschaft, Besucher in den Familien unterzubringen, ist nur ein Beleg dafür. Osnabrück damit eines bewiesen: Man muss nicht groß sein, um weit zu werden. Weite kommt aus dem Innern, aus dem Herzen. Und davon hat Osnabrück mehr als genug gezeigt.