Mahnmal Mannichl
Nazis verletzen, quälen oder töten. Sie machen dabei kaum Unterschiede und denken noch weniger nach. Um Opfer zu werden, reicht es, anderer Meinung zu sein. Alois Mannichl war anderer Meinung. Dafür wurde Passaus Polizeichef vor wenigen Tagen bestraft: Mit dem eigenen Küchenmesser, das ihm ein Unbekannter in den Bauch rammte. Alois Mannichl hat damit das erlebt, was Johannes Paul II. über die Nationalsozialisten sagte: „Das furchtbare totalitäre System gestattete mit einer Großzügigkeit sondergleichen den Tod für die, die sich dem System nicht unterwarfen.“
Heute ist das System in Deutschland nicht mehr totalitär. Dennoch gelingt es verwirrten Fanatikern und verblendeten Faschisten, Unschuldige zu demütigen oder zu drangsalieren. Immer wieder zeigt sich die wahnhafte Fratze des Faschismus. Es ist eine Fratze, die sich im Alltag gut anpassen kann. Die sich oft gar nicht unterscheidet, sondern ein Jedermann-Gesicht zur Schau trägt. Eine Fratze, die alle in trügerischer Sicherheit wiegt. Bis sie einfach zusticht.
"Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen"
Der Überfall auf Polizeichef Mannichl zeigt, wie wenig der Mensch an sich im Gedankensystem der Nazis zählt. Er erinnert aber zugleich auch an das, was der Soziologe Karl Loewenstein, der während der Nazi-Herrschaft ins Exil flüchtete, eine „streitbare Demokratie“ nannte. Also eine Demokratie, die sich gegen ihre Feinde wehren kann und vor allem auch muss. Die sich nicht verstecken darf, sondern offen und selbstbewusst ihren Herausforderern entgegentreten soll. Hier geht es nicht darum, auch die andere Wange hinzuhalten. Sondern um das, was der Märtyrer Dietrich Bonhoeffer gefordert hat: „Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen.“
Die Tragödie in Passau macht uns deutlich: Wir können uns vor dem Nazi-Wahn nicht verstecken. Allein Ideale unserer Gesellschaft machen uns zu Feinden aller Faschisten. Ob wir wollen oder nicht. Das Bekenntnis zu Freiheit kann nicht mit der Akzeptanz braunen Gedankengutes einhergehen.
Freiheit ist ein Gut, das uns Gott geschenkt hat. Das Geschenk Gottes darf von niemanden eingeschränkt oder zerstört werden. Deshalb fordert der christliche Glaube selbst zum Widerstand gegen alles auf, was diese Freiheit bedroht.
Dieser Widerstand kann natürlich im Gebet geschehen. Doch das Gebet ersetzt nicht die Tat. Die Tat muss auf allen Ebenen erfolgen. Am Stammtisch, im Sportverein, bei Demonstrationen und in der Politik. Das kann das Vorgehen gegen rechte Versammlungen in Gasthäusern sein. Oder harte Strafen für Faschismus verherrlichende und antisemitische Fankurven. Und nicht zuletzt das Verbot dezidiert nationalsozialistischer Parteien. Hauptsache, der Widerstand tritt entschlossen und geschlossen auf.
Verweigert man dagegen die Tat, ist das ein Spott auf Menschen wie Mannichl. Auf Menschen, die ihre Gesundheit oder gar ihr Leben für das gegeben haben, was die Nazis verachten: Freiheit, Toleranz und die unbedingte Achtung der Menschenwürde. Oder um es noch einmal mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: „Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder (...) zur Tat und zum Mitleiden.“
Alois Mannichl hat gelitten. Lassen wir es nicht umsonst sein.
Simon Biallowons