Erst waren es die USA, dann Irland: Seit Januar wird auch die katholische Kirche in Deutschland von einem Missbrauchs-Skandal an Schulen des Jesuitenordens erschüttert. Am Donnerstag zog die vom Orden beauftragte Rechtsanwältin Ursula Raue in Berlin eine erste Bilanz: Bislang hätten sich 115 mögliche Opfer aus kirchlichen Einrichtungen bei ihr gemeldet. Zwölf Beschuldigte seien ihr namentlich bekannt.
Raue betonte, bei den Übergriffen in den 70er und 80er Jahren habe es sich überwiegend um Fälle gehandelt, bei denen die körperlichen Verletzungen weniger gravierend gewesen seien. So sei ihr bisher keine Vergewaltigung durch einen Jesuiten bekannt. Dennoch: Die seelischen Folgen seien erheblich: «Es sind Wunden, die nicht heilen», sagte die Berliner Rechtsanwältin.
Es war der Rektor des Berliner Jesuiten-Gymnasiums «Canisius-Kolleg», Pater Klaus Mertes, der den Stein ins Rollen brachte, als er Mitte Januar ehemalige Schüler und dann die Medien offen über Fälle sexuellen Missbrauchs aus den 70er und 80er Jahren informierte. Bekannt wurden auch Verdachtsfälle in Bonn, Hamburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover und St. Blasien.
Die immer neuen Fälle, die meist nach jahrzehntelanger Vergessenheit auftauchen und deshalb vielfach strafrechtlich verjährt sein dürften, setzen die Kirche unter Druck: Die Bischofskonferenz setzte das Thema auf die Tagesordnung ihrer Vollversammlung in Freiburg. Laut einem «Spiegel»-Bericht wurden in den vergangenen 15 Jahren in 24 Diözesen 94 Kleriker und Laienmitarbeiter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. 30 von ihnen seien strafrechtlich verurteilt worden.
Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel
Über die Aussagekraft der Zahlen wird debattiert: Nach Ansicht des Berliner Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber weisen sie darauf hin, dass Missbrauch bei Mitarbeitern der katholischen Kirche viel seltener vorkomme als bei anderen Männern. Die Zahlen legten nahe, dass die Geisteshaltung, in der Priester lebten, sie weitgehend davor schütze, Täter zu werden.
Dennoch steht bei jedem einzelnen Fall die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Spiel. «Wir wollen Aufklärung, weil wir in der Schuld der Opfer stehen», betonte der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer. Die christliche Botschaft und das Engagement vieler Katholiken würden in ein schiefes Licht gerückt.
Klar ist: Angemessene Konsequenzen blieben aus
Kaum ein Kirchenrepräsentant bestreitet, dass bis weit in die 1990er Jahre die Bischöfe und Orden nicht konsequent durchgegriffen haben. Beschuldigte wurden versetzt, ohne die Vorwürfe zu klären - ein Verhalten, über das sich am Donnerstag auch Raue erstaunt zeigte. Sie äußerte sich «befremdet» darüber, dass auch die zuständigen Stellen in Rom keine angemessenen Konsequenzen gezogen hätten.
Richtlinien der Bischofskonferenz bewirkten wichtige Wende
Langendörfer und mehrere Bischöfe betonten aber, dass die 2002 von der Bischofskonferenz verabschiedeten Richtlinien zum sexuellen Missbrauch von Priestern eine Wende gebracht hätten: Die Vorschriften sehen etwa die Ernennung von Ansprechpartnern vor, an die sich Betroffene wenden können. Zudem wird Verdächtigen der Gang zur Staatsanwaltschaft nahegelegt. Manche Diözese hat weitere Konsequenzen gezogen: So arbeitet das Erzbistum Hamburg seit drei Jahren mit dem Verein «dunkelziffer» zusammen, der im Priesterseminar Fortbildungen zur Vorbeugung und zum Erkennen von Missbrauch anbietet.
Umstritten ist, ob die Richtlinien ausreichen: Kritiker monieren, dass es sich bei den Ansprechpartnern häufig um kirchliche Amtspersonen handelt, die nicht unabhängig genug seien, um den Opfern die Angst zu nehmen. Lob kommt dagegen vom Essener Psychiater Norbert Leygraf. Der bundesweit gefragte Gutachter bescheinigte der Kirche, sie reagiere sehr gewissenhaft. Es herrsche eher eine zu große Ängstlichkeit und Vorsicht.
Christoph Arens (KNA, 18.2.10)