Und der andere Vorwurf? Könnte Benedikt XVI. nicht einfach auch zu den deutschen Fällen Stellung beziehen, damit Ruhe herrscht? Würde dann Ruhe herrschen? Johannes Paul II. hätte vielleicht getan, was man von ihm erwartet, mutmaßen nun viele. So haben wir ihn in Erinnerung – als Mann der Gesten, als Mann, der massenweise Herzen erobern konnte. Sein immer wieder striktes „Nein“ bei Themen wie Kondomen und Abtreibung (während Benedikt XVI. schon beim Antritt des Pontifikats betonte, die katholische Kirche sei in erster Linie eine positive Option und keine Kirche der Verbote) tritt unter dem Eindruck seiner Auftritte und seines Abschieds, der die ganze Welt in Ausnahmezustand versetzte, zurück. Im Gedächtnis der Massen bleiben diese Gesten bestehen, als emotional bewegende Bilder haben sie sich eingeprägt – und das im Falle Johannes Pauls II. mit gutem Recht. Oberflächlich ist aber die öffentliche Wahrnehmung, wo sie die Zeichen Benedikts XVI. fehldeutet und ihm nicht zuhören will. Wo sie seine Demut und Menschlichkeit, seine Tiefe in Wort und Tat verkennt.
Wenn die Öffentlichkeit den Papst nun drängt, er müsse sich zu den Missbrauchsfällen in Deutschland äußern: Geht es ihr darum, zu erfahren, dass Benedikt XVI. Missbrauch abscheulich findet? Auch als Zeichen gegenüber den Opfern? Dazu hat niemand so deutlich Stellung bezogen wie der Papst, "nicht erst seit gestern und nicht nur mit Worten", wie sein Privatsekretär, Prälat Georg Gänswein, diese Woche gegenüber der "Bild" betonte. Es wäre ein leichtes, dies wieder – explizit im Hinblick auf Deutschland – zu tun. Doch das Spiel vieler Medien, bei jeder Gelegenheit zum Schlag gegen ihn auszuholen, ist unschwer zu durchschauen. Er wird sich davon nicht beeindrucken lassen, sondern selbst den Zeitpunkt und die Weise einer Reaktion bestimmen.
Benedikt XVI. ortet "subtile oder auch weniger subtile Aggression gegen die Kirche"
Gesten gibt es ganz abgesehen davon, der Papst hat sich in Amerika und in Australien mit Missbrauchsopfern getroffen, auch für die Malta-Reise sind solche Treffen angedacht. Und erst diese Woche äußerte Benedikt XVI. sich wieder zum Thema Missbrauchsskandal: Dieser müsse Verpflichtung zur Buße sein. Zugleich sprach er treffend von einer "subtilen oder auch weniger subtilen Aggression gegen die Kirche". Auch ohne totalitäre Regime herrsche ein Druck, so zu denken, wie alle denken. Die Angriffe auf die Kirche zeigten, "wie dieser Konformismus wirklich eine echte Diktatur sein kann".
Sein Privatsekretär Gänswein betonte außerdem gegenüber der "Bild", es werde zu schnell übersehen, "dass hier auch die einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen Verantwortung tragen. Es gibt klare Zuständigkeiten, die zu berücksichtigen und zu respektieren sind. Wer sich päpstliche Worte wünscht, möge den sehr detaillierten Hirtenbrief an die Iren aufmerksam lesen." Wer allerdings den Papst so falsch einschätzt und trotz allem daran festhält, er würde Missbrauchsfälle nicht aufs Schärfste verurteilen, hat schlichtweg nichts verstanden.
Wenn man sich also fragt „Was mag im Papst an diesen Tagen vorgehen?“, kann man wohl davon ausgehen, dass Benedikt XVI. enttäuscht ist über das Missverstehen seiner Worte und Gesten, die oft ganz bewusst negative Auslegung. Doch allzu sehr erschüttern, geschweige denn verunsichern, wird es ihn nicht. Dies hat auch damit zu tun, dass er sich im Dienst der Wahrheit sieht – und diese für nichts in der Welt einer törichten, öffentlichen Massenmeinung unterwerfen würde. Wie sagte Gänswein im Gespräch mit der „Bild“, als er das Kirchenoberhaupt mit drei Eigenschaften beschreiben sollte? „Unerschütterlicher Glaube, demütige Festigkeit, entwaffnende Milde. Er ist sanft in der Art, aber felsenfest in der Sache.“
Antonia Groll (14.4.10)