Bundeskanzlerin Angela Merkel begab sich zum Start des Ausbildungsjahres in das Ausbildungszentrum der Firma ABB in Berlin. Die Kanzlerin kam mit Rückenwind dorthin. Die Kammern melden ein deutliches Plus bei der Zahl abgeschlossener Ausbildungsverträge. Die Bundesagentur für Arbeit ist in ihrer letzten Zwischenbilanz zu dem Ergebnis gekommen, dass es elf Prozent mehr Stellenangebote gibt.
Jeder Jugendliche sei eine Herausforderung, macht die Kanzlerin deutlich. "Es darf unter den Langzeitarbeitslosen keine Jugendlichen mehr geben“, ist ihr Credo. Die gute Nachricht für die jungen Leute sei: Sie sind begehrter als vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren. „Das heißt, nicht nur Ihr müsst euch mühen, gut zu sein, sondern die Unternehmen müssen sich auch mühen, aus Euch etwas Gutes zu machen. Das ist eigentlich eine der chancenreichsten Situationen, die man sich vorstellen kann“, betonte Merkel.
Neue Herausforderungen
Allerdings sind mit dieser veränderten Situation auch neue Herausforderungen verbunden. Darauf weist Andreas Finke hin. Er ist Geschäftsführer der Kolping Jugendwohnen GmbH. "Diese für die Jugendlichen so positive Situation, bedeutet für die Betriebe, dass sie zunehmend Probleme bekommen, ihren Fachkräftebedarf zu decken. So gewinnen Maßnahmen zur Förderung leistungsschwacher junger Menschen an Bedeutung." Gerade für Azubis, die fern der Heimat ihren Wunschberuf erlernen, sei der Übergang von Schule zu Beruf, eine große Herausforderung, die durch das Jugendwohnen besser zu bewältigen sei. Das Kolpingwerk hat sich schon seit den Zeiten seiner Gründers, des seligen Adolph Kolping, vor mehr als 150 Jahren, um Unterkunft für junge Menschen bemüht. Damals standen die Wandergesellen im Blick, die den so genannten Gesellenhäusern Aufnahme fanden.
Jugendwohnen
Einrichtungen des Jugendwohnens bieten für Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren Unterkunft, Verpflegung und sozialpädagogische Begleitung. In ganz Deutschland stellen mehr als 550 Jugendwohnheime möblierte Einzel- oder Doppelzimmer zur Verfügung, die jedes Jahr von mehr als 200.000 jungen Menschen genutzt werden. Entscheidender Faktor für das Gelingen des Jugendwohnens ist aber auch eine individuell abgestimmte sozialpädagogische Begleitung. Sie unterstützt die Jugendlichen dabei, im neuen Alltag klar zu kommen, Kontakt zu anderen Leuten zu finden und die Ausbildung, beziehungsweise den späteren Berufsalltag erfolgreich zu meistern. „Durch diese Begleitung erwerben die Bewohner der Jugendwohnhäuser Schlüsselqualifikationen, wie Teamwork, Konfliktmanagement und Kommunikation“, ergänzt Finke. „Das Jugendwohnen ist der beste Partner für eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung.“
Gute Statistikquoten
Umfragen im Rahmen des vom Bundesjugendministeriums geförderten Forschungsprojekts "leben.lernen.chancen nutzen." Haben ergeben, dass über 60 Prozent der Jugendlichen in deutschen Jugendwohnheimen ihre Ausbildungserfolge dem Jugendwohnen zuschreiben. Etwa jeder vierte von ihnen gab an, ohne das Jugendwohnen seine Ausbildung vorzeitig abgebrochen zu haben.
Tönerne Füße
Und doch steht die Zukunft der 550 Einrichtungen in Deutschland auf tönernen Füßen. Das macht auch Finke deutlich und er erklärt auch, woran das liegt: Vielfältige Zuständigkeiten in der Leistungsträgerstruktur, sowohl auf kommunaler als auch auf Landes- und Bundesebene hätten zu mangelnder Verantwortung, zu fehlender Steuerung und Profilierung für das Jugendwohnen geführt. „Das Netz des Jugendwohnens zu sichern und weiter auszubauen ist eine Investition in die Zukunft beruflicher Bildung“, macht Finke daher deutlich, dass die Politik noch viele Aufgaben vor sich hat, wenn sie sich der Vorgabe der Kanzlerin „Jeder Jugendliche ist eine Herausforderung“ nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch im Alltag stellen will.