Rund 100 Schüler sind im Kloster Ettal sexuell misshandelt und körperlich missbraucht worden. Dies bestätigte der Münchner Staatsanwalt Thomas Pfister, der seine Ergebnisse aus den Untersuchungen am Klosterinternat vorlag. Der Ettaler Pater Johannes Bauer bezeichnete die Berichte des Staatsanwaltes als "schockierend und zutiefst beschämend". Pfister fand zu den Missbrauchsfällen in dem oberbayerischen Klosterinternat ebenfalls deutliche Worte. "Wären die Vergehen nicht verjährt, hätten sie mehrere Haftstrafen zur Folge gehabt", so der Sonderermittler.
Nach der Razzia am Dienstagabend legte der Staatsanwalt nun seinen Ermittlungsbericht vor. Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs durch einen inzwischen verstorbenen Benediktiner sei erwiesen; aktuelle Vorkommnisse des Jahres 2005 konnten noch nicht abschließend bewertet werden.
Die Vorwürfe der körperlichen Gewaltanwendung wurden ebenfalls bestätigt. Der Ermittler hatte dazu viele E-Mails ehemaliger Schüler des Ettaler Klosters erhalten. "In Ettal herrschte ein Terrorregime", zitierte der Staatsanwalt aus seiner Sammlung. Kinder und Jugendliche seien in Ettal in "sexueller, psychischer und physischer Hinsicht misshandelt" worden.
Die dritte Fallkategorie im Ettaler Missbrauchsskandal sei das Vergehen eines Benediktiners, der kinderpornografisches Material aus dem Internet heruntergeladen hatte. Bei der Razzia wurde der Rechner des Mannes beschlagnahmt. "Wir haben den Mitbruder auch mit sofortiger Wirkung von allen pädagogischen und seelsorglichen Aufgaben entbunden", so Pater Johannes Bauer. Der verantwortliche Benediktiner hatte sich selbst bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht.
Staatsanwalt Pfister betonte immer wieder, dass die damaligen Vorfälle auf keinen Fall den Zustand des heutigen Klosters beschreiben. "Man darf sich das heutige Kloster nicht als Gemeinschaft prügelnder und missbrauchender Klosterbrüder vorstellen", sagte er. Auch sei er bei seinen Ermittlungen am Kloster in keiner Weise behindert worden. Pfister verurteilte die "systematische Kultur des Wegsehens" in der Zeit der Missbrauchsfälle. Zwar hätten sich diese auf die Verfehlungen einzelner Benediktiner beschränkt, die aber durch eine Kultur des Wegschauens und Verschweigens erleichtert worden seien. "Wir wollen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen", so Pater Bauer. Er selbst gestand in der Pressemitteilung, dass er in den Jahren 1985 bis 1987 als Erzieher einige Internatsschüler "brutal körperlich misshandelt und gedemütigt" habe.
Wie am Mittwoch bekannt wurde, baten die Benediktiner des Klosters Ettal den Vatikan um Hilfe und schickten ein Gesuch um päpstliche Visitation nach Rom. In Kurienkreisen heißt es, dass es noch keine offizielle Antwort gebe, da sich das Gesuch noch auf dem Geschäftsweg befinde. Das Ettaler Kloster erhofft sich durch die Hilfe Papst Benedikts XVI. einen Neuanfang.
"Die Aufarbeitung verlangt auch, neue Wege in unserer pädagogischen Arbeit und in unserem Kloster zu gehen", so Pater Bauer. Geplant sei das Projekt "Internat 2015". "In enger Zusammenarbeit mit den Schülerinnen, Schülern und Eltern sowie externen Beratern wollen wir unser Internat neu aufstellen. Hier werden wir weiterarbeiten und auch eine externe Stelle schaffen, an die sich Eltern und Schüler wenden können."
Pater Bauer bedankte sich für die Unterstützung seitens der Eltern, Schülerinnen und Schüler. "Das ermutigt uns, den Weg eines Neuanfangs zu gehen", so der Pater.
Welt Online/Spiegel Online/Katharina Traxel